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Womöglich hängt alles an einem roten Faden. Im Mordprozess gegen einen 68-Jährigen ist der Anklage wohl ihr wichtigstes Beweismittel weggebrochen. Denn einige Fasern am Opfer haben womöglich gar nichts mit der Tat zu tun.
Womöglich hängt alles an einem roten Faden. Im Mordprozess gegen einen 68-Jährigen ist der Anklage wohl ihr wichtigstes Beweismittel weggebrochen. Denn einige Fasern am Opfer haben womöglich gar nichts mit der Tat zu tun. © Symbolbild: dpa
27.02.2013

Am seidenen Faden - Zweifel an Beweismittel für Mord an Joggerin

Es sind nur ein paar rote Fasern - aber sie könnten über Schuld und Unschuld in einem außergewöhnlichen Mordverfahren entscheiden. Im Prozess um den brutalen Mord an einer Joggerin in Pfullendorf (Kreis Sigmaringen) hat ein Fasergutachten Zweifel an der Schuld des 68-jährigen Ehemanns geschürt. Es geht um einige winzige Fädchen vom T-Shirt des Mannes, die bei der Spurensicherung am Leichnam seiner vier Jahre jüngeren Frau gefunden wurden.

Die Ermittler schlossen daraus, dass der Mann am Tatort gewesen sein müsse. Doch diese Sichtweise bestätigte der zuständige Gutachter am Mittwoch vor dem Landgericht Hechingen nicht. aaAn dem Verdacht gegen den 68-Jährigen haben sich schon länger Zweifel ergeben. Im Januar hatten die Richter ihn aus der Untersuchungshaft entlassen. Er kommt nun als freier Mann zu seinem Mordprozess.

Seine 64-jährige Frau war im vergangenen Sommer beim Joggen brutal ermordet worden. Der Verdacht der Polizei hatte sich bald gegen ihren Mann gerichtet. Doch die Anklage kann sich lediglich auf Indizien stützen - nicht zuletzt auf die roten Fasern, die die Polizei als «das Indiz schlechthin» bezeichnet hatte. Die Fasern, die sich an den Socken der toten Frau fanden, stammen ohne Zweifel von einem Sport-Shirt des 68-Jährigen. Die Ermittler waren sicher, dass die Übertragung der Fasern nur am Tatort stattgefunden haben könne. Der Mann hätte also dort gewesen sein müssen. Doch so eindeutig sei die Beweiskraft der Fasern nicht, betonte der Gutachter nun.

Denn wie und wo genau sich sein T-Shirt und ihre Socken berührt haben, darüber können auch die Spezialisten nur spekulieren. Denkbar sei, dass der 68-Jährige nach dem Mord die Füße seiner Frau gepackt und gegen sein T-Shirt gedrückt habe, um den Leichnam wegzuschleifen. Denkbar sei aber zum Beispiel auch, dass die beiden ein paar Tage vorher zusammen auf dem Sofa gelegen haben. Dort könnte sie ihre Füße in den Schoß ihres Mannes gelegt und dabei sein T-Shirt berührt haben. Ganz harmlos also. Zwar gebe es aus den genauen Umständen der Beweissicherung tatsächlich Hinweise, dass der 68-Jährige am Tatort war - doch die Unsicherheit sei groß, betonte der Gutachter.

Der Angeklagte selbst hatte in den Vernehmungen bei der Polizei stets seine Unschuld beteuert. Doch rechtlich sind seine Vernehmungen nach Angaben des Gerichts größtenteils unbrauchbar, weil die Polizisten ihn nicht ausreichend über seine Rechte belehrt hätten. Am Mittwoch wollte er sich dann zum ersten Mal vor Gericht zu den Vorwürfen äußern. «Ich bin daran interessiert, dass das aufgeklärt wird», sagte er. Doch mit Rücksicht auf seine Persönlichkeitsrechte wurde die Öffentlichkeit dabei ausgeschlossen.

Die Arbeit der Ermittler in dem Fall hatte zuletzt schon für viel Aufregung gesorgt. Der Vorsitzende Richter hatte zu Prozessbeginn viele skeptische Fragen zur Arbeit der Polizei gestellt. Der zuständige Kripo-Beamte bezeichnete den Verdacht gegen den 68-Jährigen als «sehr zweifelhaft». Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft räumte Pannen bei den Mordermittlungen ein. Und der Verteidiger des 68-Jährigen warf den Fahndern vor, seinen Mandanten unter Druck gesetzt und zu einem Geständnis gedrängt zu haben. Ein Urteil könnte im Mai gesprochen werden.