nach oben
Ein Kreuz aus brennenden Kerzen steht vor der Albertville-Realschule in Winnenden. Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe kommen auf den Vater des Täters zu, weil er die Tatwaffe unverschlossen im Schlafzimmerschrank aufbewahrt hatte. © dpa
31.01.2013

Amoklauf Winnenden: Geschädigte hoffen auf Vergleich bei Schadenersatz

Stuttgart (dpa/lsw) - Nach dem Prozess ist vor den Prozessen? Möglich wär's. Zivile Forderungen gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden werden immer deutlicher. Einige Geschädigte suchen jedoch noch nach einer außergerichtlichen Lösung.

Bildergalerie: Amoklauf an Realschule in Winnenden

Bildergalerie: Bewegende Trauerfeier in Winnenden

Wenn am Freitag das Urteil im Revisionsprozess zum Amoklauf von Winnenden fällt, dann ist deshalb mit Prozessieren noch lange nicht Schluss. Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe kommen auf den Vater des Täters zu. Hinter den Kulissen wird bereits kräftig verhandelt. Etliche Nebenkläger bemühen sich über ihren Anwalt Jens Rabe um eine außergerichtliche Einigung mit der Haftpflichtversicherung des Vaters. Die Allianz signalisiert grundsätzliche Bereitschaft.

Bildergalerie: Prozess gegen Vater des Amokläufers von Winnenden

Rabe vertritt die Stadt Winnenden und 35 Einzelkläger. Dazu gehören Angehörige der Todesopfer, aber auch Verletzte. Der 17-jährige Amokläufer hatte am 11. März 2009 in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) und bei seiner Flucht nach Wendlingen (Kreis Esslingen) 15 Menschen erschossen und 14 verletzt. Zum Schluss richtete er sich selbst. Sein Vater muss sich vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten, weil er die Tatwaffe unverschlossen im Schlafzimmerschrank aufbewahrt hatte.

Nach Schätzungen Rabes summieren sich allein die Forderungen der Stadt Winnenden auf rund 9,4 Millionen Euro. Die Stadt hat die Albertville-Realschule nach der Tat wieder herrichten und umbauen lassen - auch um die dramatischen Bilder möglichst vergessen zu machen. An seiner früheren Schule hatte Tim K. ein Blutbad angerichtet. Die Forderungen der Einzelkläger addieren sich laut Rabe auf mehr als 1,5 Millionen Euro. Der Anwalt hat das Gefühl, dass die Verhandlungen mit der Versicherung stocken. «Wir hoffen aber nach wie vor auf eine gütliche Einigung ohne Prozess.»

Die Allianz zeigt sich offen. «Wir haben gegenüber den Betroffenen nach Abschluss des ersten Strafverfahrens im Jahr 2011 die Haftung anerkannt», sagte eine Sprecherin in München. Es spiele keine Rolle, wie das Urteil im Revisionsprozess am Freitag ausfällt oder was eine Klage des Vaters gegen die Psychiatrie in Weinsberg ergibt. «Wir werden den Schaden unabhängig davon regulieren» - und zwar im Rahmen der Deckungssumme. Diese reicht allerdings längst nicht aus, um alle Forderungen voll zu begleichen. Das Geld müsse deshalb anteilig verteilt werden, sagte Herrmann. Hierzu würden jetzt die Ansprüche, die bis 31. Dezember 2012 angemeldet wurden, erfasst und bewertet.

Die Versicherung hoffe zudem noch auf eine außergerichtliche Einigung mit den sechs Geschädigten, die bereits Zivilklage beim Landgericht Stuttgart eingereicht haben. Dabei handelt es sich um fünf Polizisten und einen Angehörigen eines Opfers.

Auch der Vater des Amokläufers streitet zivilgerichtlich, und zwar mit dem Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg. Er will erreichen, dass die Klinik bis zu 8,8 Millionen Euro an möglichen Schadenersatzforderungen übernehmen muss. Sein Klageentwurf liegt der Psychiatrie mittlerweile vor. Er sei allen Beteiligten bekanntgegeben worden, sagte deren Anwältin am Mittwoch. Bis Mitte Februar hätten sie nun Zeit für eine Stellungnahme. Inhaltlich wollte sie dem nur so weit vorgreifen: «Wir sehen keinen Haftungsansatz.»

Mit dem Klage-Entwurf hatte der 54-jährige Unternehmer Ende 2012 beim Landgericht Heilbronn Prozesskostenhilfe für den Rechtsstreit mit dem Klinikum beantragt. Zudem streitet er mit seiner Rechtsschutzversicherung um Kostenübernahme, falls das Landgericht die Prozesskostenhilfe verweigert. Den Ärzten des Klinikums wirft der Rechtsanwalt des Vaters vor, sie hätten bei Sitzungen von Mai bis September 2008 die Gefahr erkennen können, die von dem Jugendlichen ausging. Die Eltern seien darüber nicht informiert worden. Tim K. hatte einem Zwischenbericht der Klinik zufolge unter anderem von Hass gesprochen und Tötungsfantasien geäußert.