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02.02.2015

Angeklagter im Koffermord-Prozess sieht sich als Justizopfer

Stuttgart. Zehn Flaschen Bier in fünf Stunden könnten es bei ihm rasch mal sein, sagt Günter H. am Montag vor dem Stuttgarter Landgericht. Seit seiner letzten Haftentlassung 1995 trinke er viel. Und regelmäßig. Manchmal auch Schnaps. Auch an Christi Himmelfahrt im vergangenen Jahr sei in kleiner Runde in seiner Wohnung sehr viel Alkohol geflossen - doch diesmal waren am Ende zwei seiner Zechkumpanen tot: eine 47 Jahre alte Frau und ein 50-Jähriger.

Günter H. packte die Leichen in zwei Reisekoffer und schaffte diese an einen Bahndamm im Schlossgarten. Das gibt er zu. Umgebracht aber hätten sie sich gegenseitig - beziehungsweise selbst, beteuert Günter H. heute.

Der Fund der beiden Kofferleichen aus der Stuttgarter Obdachlosen-Szene machten im Juni bundesweit Schlagzeilen. Die Suche nach dem Täter gestaltete sich schwierig. Auch ein Aufruf in der TV-Sendung «Aktenzeichen XY...ungelöst» brachte zunächst keine entscheidenden Hinweise für die Sonderkommission «Damm». Zwei Wochen später führten DNA-Spuren aber zu dem 48-Jährigen.

Mit einer Jeansjacke über dem Kopf betritt H. am Montag den Gerichtssaal. Blauer Pullover, Jeans, kurze leicht ergraute Haare, Fußkette. Er redet wirr und undeutlich. Wieder und wieder vermengt er ältere Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung mit dem aktuellen. Er sieht sich als Opfer der Justiz. Die Leichen seien manipuliert, ihre Verwesung beschleunigt worden, um die wahre Todesursache zu verschleiern. Oft schon habe er Unrecht vor Gericht erfahren. Und er ist sich sicher: «Am Ende kommt SV raus.» SV wie Sicherungsverwahrung nach der lebenslangen Haft.

Seine Version vom Tattag klingt so: Man trinkt viel. Er auch. In einer Blackout-Phase zieht er sich in einem Nebenraum zurück um seinen Rausch auszuschlagen. Seine Zechkumpanen streiten. Soviel bekommt er mit. Ein Zischen weckt ihn. Und er sieht, wie die Frau dem Mann einen Feuerlöscher ins Gesicht rammt. «Sie hatte einen extremen Hass auf ihn», erzählt er. Warum, wisse er nicht. Er habe sich «solidarisch zu ihr gestellt», wie er sagt. Sie sollen sogar noch gemeinsam ausgegangen sein an diesem Tag. In der Nacht stranguliert sie sich zu Tode, berichtet Günter H..

Unter Schock schafft er die Leichen aus dem Weg. Die Koffer hatte er vom Sperrmüll. Er packt sie auf den Fahrradanhänger und fährt sie in den Schlossgarten. In zwei Touren. Womöglich erst Tage später, so klar wird das heute nicht. «Ich war traumatisiert», erinnert er sich. Wann, was passierte, wisse er überhaupt nicht mehr. Nur, dass es langsam hell wird, als er den zweiten Leichenkoffer hinter einer Betonwand am Bahndamm abstellt. Er versucht die Koffer zu vergraben, scheitert aber am dichten Wurzelwerk. Ihm sei klar gewesen, erzählt er: Wenn man die Leichen bei ihm findet, ist er dran. Deshalb habe er auch gründlichst alle Spuren beseitigt. Er zieht sogar die Leichen aus, wäscht die Klamotten und entsorgt sie in Mülltonnen.

Am Ende werde er ohnehin für den Tod der beiden verantwortlich gemacht werden, erzählt er vor Gericht. Und so sei es ja nun auch gekommen. Er sei Opfer eines abgekarteten Spiels geworden. «Und die Karten sind gezinkt.»

Die Version der Anklage vom Tattag hingegen lautet so: Das Trio säuft an Christi Himmelfahrt in der Wohnung von Günter H.. Und dann wird gestritten. Die Staatsanwaltschaft meint auch, den Grund für den Streit zu kennen: der 50-Jährige soll Günter H. bei seiner Beziehung zu der 47-Jährigen im Weg gestanden haben. Günter H. erschlägt den Nebenbuhler mit dem Feuerlöscher - und um die Tat zu verschleiern, ersticht er später auch die 47-Jährige. Die Anklage lautet auf zweifachen Mord.

Für den Prozess hat das Landgericht zunächst 16 Verhandlungstermine bis Ende März eingeplant.