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Befristet angestellte Lehrer sind über die Sommerferien oft arbeitslos, obwohl sie zum nächsten Schuljahr wieder gebraucht werden. Trotz Kritik daran ändert Baden-Württemberg die Praxis nicht. 

Arbeitslose Lehrer im Sommer vor allem in Baden-Württemberg

Stuttgart. In Baden-Württemberg melden sich im bundesweiten Vergleich die meisten Lehrer während der Sommerferien arbeitslos. Im Sommer 2018 verzeichnete die Agentur für Arbeit deutschlandweit rund 6000 Arbeitslosenmeldungen zu Beginn oder während der Sommerferien. Davon entfielen 1840 auf Baden-Württemberg, 800 auf Bayern und 630 auf Rheinland-Pfalz. Das geht aus einem Bericht der Arbeitsagentur hervor.

Die Bildungsgewerkschaft GEW hatte wiederholt gefordert, diese Praxis, Lehrer vor den Ferien in die Arbeitslosigkeit zu schicken, zu beenden. Kritik an der grün-schwarzen Landesregierung kommt in diesem Punkt auch aus den Landtagsfraktionen von SPD und FDP. Das Kultusministerium in Stuttgart verteidigt das seit Jahren praktizierte Vorgehen.

Wie eine Sprecherin von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) erklärte, unterrichten in Baden-Württemberg 117 000 Lehrer an den öffentlichen Schulen. Davon hätten drei Prozent eine befristete Anstellung als Angestellte - das seien etwa 3900 Lehrer. Darunter seien rund 600 Lehrer, die eigentlich schon in Pension seien aber noch einsprängen, Lehrer ohne eine grundständige Lehramtsausbildung und auch Lehrer, die bewusst eine befristete Stelle gewählt hätten.

Befristete Verträge würden geschlossen, um zum Beispiel auf Krankheiten und auf Ausfälle wegen Schwangerschaften reagieren zu können. Weil der Bedarf nur vorübergehend bestehe, würden die Verträge nur befristet bis zu den Sommerferien abgeschlossen.

«Baden-Württemberg beschäftigt nach Bayern und Nordrhein-Westfalen die meisten Lehrkräfte in Deutschland», sagte die Sprecherin. «Von daher ist der Lehrkräftebedarf in Baden-Württemberg generell höher als in anderen Bundesländern.» Zudem könnten sich im Südwesten auch Referendare in der Zeit zwischen dem Schuljahresende und dem Beginn des neuen Schuljahres arbeitslos melden. «Referendare werden allerdings nicht entlassen, sondern haben ihre Ausbildung beendet.» Fertig ausgebildete Lehrer hätten dann aber gute Perspektiven, eine unbefristete Stelle in Baden-Württemberg zu bekommen.

Der stellvertretende Fraktionschef der SPD-Landtagsfraktion, Stefan Fulst-Blei, forderte die Landesregierung auf, die Kosten für die Lehrer nicht länger auf die Arbeitslosenversicherung abzuwälzen. «Für die betroffenen Lehrkräfte und deren Familien sind sechs Wochen Arbeitslosigkeit eine enorme Belastung und ein Zeichen mangelnder Wertschätzung.» Faire Arbeitsbedingungen seien ein wichtiger Grundstein für gute Schulen in Baden-Württemberg. «Dazu gehört für die SPD-Landtagsfraktion auch die Weiterbeschäftigung von Vertretungslehrern über die Sommerferien», teilte der SPD-Bildungsexperte mit.

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Hans-Ulrich Rülke nannte das Vorgehen der Regierung «wahrlich kein Ruhmesblatt». «Eine Kultusministerin, die sich anschickt, Ministerpräsidentin werden zu wollen, sollte diesen unwürdigen Umgang des Landes mit seinen befristet beschäftigten Lehrern schleunigst abstellen.»