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© Symbolbild dpa
01.10.2015

Auch Flüchtlinge nutzen Tafeln: «Keiner geht hungrig nach Hause»

Ludwigsburg. Eine Menschentraube tummelt sich am Eingangstor der Tafel im Zentrum Ludwigsburgs nördlich von Stuttgart. Etwa 30 Menschen warten auf den ehrenamtlichen Helfer, der jeden Morgen um 10.00 Uhr Nummernkärtchen an alle Kunden verteilt.

Sie legen die Reihenfolge fest, wer zuerst den Einkaufsladen betreten darf. Die Auswahl verfolgt nach dem Losverfahren: «So kann sich niemand beschweren, dass er unfair behandelt wird», sagt Anne Schneider-Müller, die Geschäftsführerin des Vereins «Ludwigstafel».

Seit immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen, ist die Zahl der Nutzer der Tafeln deutlich angestiegen, die Bedürftige mit günstigen Lebensmitteln und Kleidung versorgen. Etwa 150 000 Flüchtlinge gehören inzwischen bundesweit dazu. Ihre Zahl habe sich in diesem Jahr sprunghaft erhöht, sagt der Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Tafel, Jochen Brühl. Die Zahl der Tafelkunden sei dadurch um zehn Prozent gestiegen.

Auch in Ludwigsburg nahm die Zahl der Kunden nach Angaben von Schneider-Müller leicht zu, wenngleich der große Ansturm an Asylbewerbern bislang ausblieb. Die Sorge, dass sich die einheimischen Hilfsbedürftigen angesichts der Flüchtlingswelle benachteiligt fühlen, scheint in der Kreisstadt unbegründet zu sein. «Natürlich merkt man, dass mehr Flüchtlinge kommen. Aber das macht mir nichts aus», sagt Andreas Singer, der seit einem Dreivierteljahr regelmäßig bei der Tafel zu Gast ist. Das Gefühl, dass ihm die Flüchtlinge möglicherweise etwas wegnehmen könnten, habe er nicht. «Vor ein paar Wochen hat mich eine syrische Familie sogar zum Essen eingeladen», sagt der 56-Jährige. Die Leute seien herzlich, auch wenn man sich häufig mit Händen und Füßen verständigen müsse.

Schneider-Müller verweist auf Gleichberechtigung als einen «Tafelgrundsatz», den alle Vereine unbedingt einhalten sollten - auch in Bezug auf Flüchtlinge. Die Forderung, gesonderte Öffnungszeiten für Asylsuchende anzubieten, sieht sie daher kritisch: «Es darf keine Missgunst zwischen unseren Kunden geben. Und solange hier jeder seine Nummer zieht, ist das auch nicht der Fall», sagt die Geschäftsführerin.

Der Vorsitzende des Landesverbandes der Tafeln, Rolf Göttner, hatte sich im August positiv zu separaten Öffnungszeiten geäußert: «Ich finde die Überlegung gar nicht schlecht, für Flüchtlinge andere Öffnungszeiten anzubieten», sagte er. Göttner bezog sich damit auf eine Tafel in Müllheim (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald), die für Flüchtlinge und die einheimische Bevölkerung unterschiedliche Öffnungszeiten ausgewiesen hatte - «aus rein praktischen Gründen». Der Tafel war daraufhin vom Friedensrat Markgräflerland «unterschwelliger Rassismus» vorgeworfen worden.

In Mannheim seien derartige Maßnahmen jedenfalls nicht notwendig, sagt Hubert Mitsch von der Mannheimer Tafel. Zwar seien die Erstaufnahmestellen momentan überfüllt, ihre Verpflegung erhielten die Flüchtlinge jedoch zunächst durch ein Catering vor Ort: «Erst nachdem sie die Erstaufnahmestelle durchlaufen haben, kommen die Flüchtlinge zu uns», berichtet Mitsch. Eine sprunghafte Zunahme innerhalb des vergangenen Jahres habe er nicht beobachten können.

Die unterschiedlichen Reaktionen der Tafeln angesichts der Flüchtlingssituation begründet Edgar Heimerdinger, Vorsitzender der Schwäbischen Tafel Stuttgart, mit der Größe der jeweiligen Einrichtungen. «Ein Laden im ländlicheren Raum, der vielleicht 30 Kunden am Tag betreut, spürt es dann doch deutlicher, wenn dort plötzlich 120 Flüchtlinge untergebracht werden», sagt er. In Stuttgart gebe es derzeit keine Überschwemmung der Tafeln durch zu viele Hilfsbedürftige. In der Landeshauptstadt engagieren sich die Asylsuchenden vereinzelt sogar selbst für die Tafeln: «Aktuell unterstützen uns etwa 30 Flüchtlinge bei unserer Arbeit», sagt der Stuttgarter Vorsitzende.

Auch in Ludwigsburg denkt man über weitere Schritte zur Integration nach: «Es gibt Überlegungen, einen Kochkurs für Flüchtlinge anzubieten», sagt Schneider-Müller. Grund dafür sei die Tatsache, dass viele Asylsuchende bestimmte Obst- und Gemüsesorten aus Deutschland schlichtweg nicht kennen. «Spargel oder Radieschen müssen wir regelmäßig wegwerfen, weil die Kunden einfach nichts damit anfangen können», berichtet die Geschäftsführerin.

Die Bedürftigen kaufen die an die Tafel gespendeten Lebensmittel in der Regel für einen Symbolpreis, der etwa ein Fünftel des ursprünglichen Verkaufspreises ausmacht. Dazu müssen sie einen Tafel-Ausweis beantragen, damit sichergestellt werden kann, dass sie auch tatsächlich hilfsbedürftig sind. Flüchtlinge erhalten diese Anträge Schneider-Müller zufolge meist schon im Zuge der Erstaufnahme.

Dass die Anzahl der Tafel-Kunden in den kommenden Monaten angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen weiter zunehmen könnte, hält die Geschäftsführerin der «Ludwigstafel» für realistisch. «Notfalls dehnen wir eben die Öffnungszeiten aus oder rufen bei den Kirchengemeinden zu weiteren Spendenaktionen auf, wenn wir merken, dass es knapp wird», sagt sie. Denn für sie steht trotz allen Umständen ein Grundsatz fest: «Bei uns geht niemand hungrig nach Hause.»