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03.05.2015

Auf dem Weg zur Einheitsschule? "Gymnasium 2020" in der Kritik

Wie sieht das Gymnasium der Zukunft aus? Welche Folgen hat die heterogene Schülerschaft für diese Schulart? Was müssen die Schüler künftig im Abitur können? Kultusminister Andreas Stoch (SPD) hat einen Arbeitskreis (AK) mit Fachleuten eingesetzt, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Seit kurzem kursiert ein Papier des AK unter dem Schlagwort «Gymnasium 2020», das für Aufregung sorgt. Es liegt der Deutschen Presse-Agentur vor. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke spricht von einer «Kriegserklärung» an das Gymnasium: «Das Papier atmet den Geist der Einheitsschule.» Schleichend werde damit eine bewährte Schulart ausgehöhlt. Der Landeschef des Philologenverbandes (PhV), Bernd Saur, befürchtet eine deutliche Absenkung des gymnasialen Niveaus.

Das Ministerium hingegen verweist darauf, dass noch nichts beschlossen sei. «Was allerdings feststeht ist, dass die pädagogische Qualität der Gymnasien absolute Priorität hat», betont Stoch. Die Ideen des AK würden derzeit diskutiert und bewertet - aus Sicht des Landeselternbeirates aber nicht öffentlich und transparent genug. Laut dem AK mit Vertretern des Ministeriums, des Landeseltern- und -schülerbeirates, der Direktorenvereinigung, des Landesschulbeirates und des Landesinstituts für Schulentwicklung sollen die Vorschläge im Schuljahr 2016/17 umgesetzt werden.

Der AK orientiert sich unter anderem an einer Studie des neuseeländischen Pädagogen John Hattie. Demnach sind Lehrkräfte und Unterricht weit wichtiger als strukturelle Merkmale wie Klassengrößen, Sitzenbleiben oder jahrgangsübergreifender Unterricht. So schlägt der AK vor, dass Coaches, also Lernentwicklungsberater, die Schüler von Klasse 5 bis 12 begleiten. Mit ihnen können sie Lernziele und -schritte in ihrer Schullaufbahn erörtern.

Saur verweist auf das bereits bestehende Unterstützungssystem - vom Klassen- über den Verbindungs- bis hin zum Beratungslehrer. «Ist das nicht ein bisschen viel?» Schließlich wolle man die Kinder doch nicht überbetreuen, sondern sie zur Selbstständigkeit erziehen, sagt Saur, der nicht zur Mitarbeit im AK eingeladen war. Dass Stoch den Vorschlag fallen lässt, ist allerdings nicht zu erwarten. Jüngst berichtete er öffentlich von seinem positiven Eindruck eines Coachingsystems in Kanada. Laut dem AK müssten dafür aber 456 Lehrerstellen bereitgestellt werden.

Besonders viele Neuerungen kommen womöglich auf die gymnasiale Oberstufe zu. Die von Schülern oft als Ende der Mittelstufe empfundene Klasse 10 soll zur Eingangsklasse in die Oberstufe umfunktioniert werden. Für diese neue OS1 sollen die festen Lerngruppen bestehenbleiben. Damit würden die Probleme beim Übergang von der Mittel- in die Oberstufe im achtjährigen Gymnasium entschärft, meint der Chef des Landeselternbeirates, Carsten Rees.

Die vom AK anvisierten Neuerungen bei den Fremdsprachen stoßen dem PhV-Landeschef sauer auf. So soll es nicht nur für Wechsler von Gemeinschafts- und Realschule ohne zwingende zweite Fremdsprache auf das Gymnasium möglich sein, ab Klasse 10 eine neue Fremdsprache aufzunehmen, sondern auch für die genuinen Gymnasiasten. Dafür sollen diese ihre zweite Fremdsprache nach Klasse 9 abwählen können.

«Vier Jahre Französisch oder Latein sind zu wenig», wettert Saur. Alleinstellungsmerkmal des Gymnasiums sei, dass zwei Fremdsprachen vertieft gelernt würden. «Mit dem krampfhaften Versuch, Gemeinschaftsschüler auf das Gymnasium schleusen zu können, nimmt das Kultusministerium womöglich in Kauf, das Niveau für alle abzusenken.» Der AK hingegen sieht darin ein «sehr anspruchsvolles Angebot» für sprachbegabte Schüler.

Hintergrund ist, dass Gemeinschaftsschulen nur eine Oberstufe anbieten können, wenn sie dafür mindestens 60 Schüler haben. Das wird in den wenigsten Schulen der Fall sein. Haben Gemeinschaftsschüler aber keine Aussicht darauf, das allgemeinbildende Abitur ablegen zu können, gelingt es nicht, den notwendigen Anteil von Schülern mit Gymnasialempfehlung für diese «Schule für alle» zu erwärmen.

Für den Liberalen Rülke ist der angeregte Wegfall des vierten Prüfungsfachs ein Indiz für eine geplante Abwertung des Abiturs. Saur wiederum kritisiert den Vorschlag, dass das vierte vierstündige Kernfach nicht mehr eine Naturwissenschaft oder eine weitere Fremdsprache sein muss. Was für den AK ein Mehr an Wahlfreiheit ist, bezeichnet Saur als «Schlag gegen die Naturwissenschaften».

Ob sich Stoch die Vorschläge weniger als ein Jahr vor der Landtagswahl zu eigen macht und damit der Opposition eine Steilvorlage für weitere Kritik an grün-roter Schulpolitik gibt, ist fraglich. Möglicherweise wird er sich an den Rat erinnern, den Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) einmal erteilt hat: «Wer sich am Gymnasium vergreift, überlebt das politisch nicht.»

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