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Nasri Sugal Jaamac ist im Alter von 16 Jahren nach Stuttgart gekommen. Ein Schlepper hat ihn per Flugzeug eingeschleust. Als Minderjähriger genießt der Somali nach EU-Recht besondere Rechte.
Nasri Sugal Jaamac ist im Alter von 16 Jahren nach Stuttgart gekommen. Ein Schlepper hat ihn per Flugzeug eingeschleust. Als Minderjähriger genießt der Somali nach EU-Recht besondere Rechte. © dpa
29.03.2015

Auf der Flucht: Ein 16-jähriger Somali landet in Stuttgart

Stuttgart. Die Terroristen der Al-Schabab Miliz drohen, eine kleine Stadt im Südwesten Somalias zu überfallen. Die Islamisten sind auf der Suche nach jungen Leuten, Kindern und Jugendlichen wie Nasri Sugal Jaamac. Man hätte ihn zu einem Kindersoldaten machen wollen. «Wir sind alle geflohen», erzählt er. Mit nur 15 Jahren musste Nasri seine Heimatstadt Baardheere verlassen. Denn wäre er geblieben und hätte sich gewehrt, gäbe es ihn nicht mehr, sagt er und formt mit seinen Fingern eine Pistole, die er sich an den Kopf hält.

Als er in Stuttgart ankommt, ist Nasri 16 Jahre alt. Seine ersten Stunden in Deutschland verbringt er auf einer Polizeiwache. Beamte hatten ihn am Flughafen gefunden. Ein Schlepper hatte ihn per Flugzeug eingeschleust und dort abgesetzt. «Der Mann war auf einmal verschwunden», sagt Nasri. Weil er noch nicht volljährig ist, kommt er in ein Wohnheim des Jugendschutzes. Denn nach Europarecht müssen besonders Minderjährige wie Nasri, aber auch behinderte, alte und kranke Flüchtlinge geschützt werden. Zwei erwachsene Flüchtlinge hätten zur Aufnahmestelle nach Karlsruhe fahren müssen, erzählt Nasri.

Eine aktualisierte Form der EU-Asylaufnahmerichtlinie muss bis Mitte des Jahres in nationales Recht umgesetzt werden. Sie enthält auch Neuerungen für schutzbedürftige Flüchtlinge. So wurde Artikel 23 (ehemals Artikel 18) erweitert. Er regelt den Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen. «Die Mitgliedstaaten gewährleisten einen der körperlichen, geistigen, seelischen, sittlichen und sozialen Entwicklung des Kindes angemessenen Lebensstandard», heißt es jetzt zusätzlich unter Absatz 1.

Aber auch schon die alte Fassung der EU-Richtlinie sieht vor, Flüchtlinge wie Nasri besonders zu schützen. So ist in Artikel 18.2 eine psychologische Betreuung minderjähriger Flüchtlinge vorgesehen. Doch die entsprechenden Einrichtungen im Land seien überlastet, sagt Elmar Fettinger. Er ist einer der Betreuer von Nasri und sieben weiteren Jugendlichen in einer Wohngruppe in Stuttgart. Die meisten sind Flüchtlinge und traumatisiert von dem, was sie in ihrer Heimat erlebt haben. «Es wäre wichtig, dass es mehr psychologische Betreuung für die Jugendlichen gibt», sagt Fettinger.

Die Umsetzung der EU-Richtlinie läuft nach Ansicht von Angelika von Loeper, der Vereinsvorsitzenden des Flüchtlingsrat in Baden-Württemberg, generell nicht gut. In der Praxis würden schutzbedürftige Flüchtlinge provisorisch abgehandelt, kritisiert sie. Das sei ein deutschlandweites Problem. «Manchmal habe ich das Gefühl, dass Verwaltungsgesichtspunkte vorrangig behandelt werden gegenüber humanitären Gesichtspunkten.»

Fettinger sieht das anders. Zumindest die Erstaufnahme Minderjähriger in Stuttgart laufe insgesamt gut. Nach ihrer Ankunft würden sie auf Wohnheime des Jugendamts verteilt. «Die Jugendlichen kommen in der Regel dann schnell in ein Krankenhaus», sagt er. Dort werden sie auf Krankheiten untersucht und bekommen eine Basisimpfung. Innerhalb der ersten drei Monate beginnen die Flüchtlinge, das Alphabet und die deutsche Sprache zu lernen. «Die Kurse bezahlt die Stadt», sagt Fettinger. Wenn die jungen Flüchtlinge die Sprache beherrschen, können sie auf die Schule gehen.

Nasri hat bislang nur Sprachkurse belegt. Von September an geht auch er auf eine Schule. Obwohl der 17-Jährige erst ein Jahr in Deutschland lebt, spricht er gut deutsch und hat viele Interessen. Er könne sich vorstellen, Elektriker zu werden, sagt er. Sein großer Traum ist aber ein anderer: «Ich will später einmal Fußball-Profi werden», sagt er. Gleich im ersten Spiel beim TSV Uhlbach habe er vier Torvorlagen beigesteuert, erzählt er stolz. So jemanden könnte der VfB Stuttgart im Abstiegskampf eigentlich gut gebrauchen. Doch bislang habe der Bundesligist noch keinem Probetraining zugestimmt, sagt Fettinger mit einem Augenzwinkern.