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Karl Blechen, Blick auf das Kloster Sta. Scolastica bei Subiaco, 1832, Öl/Lw, 63,4 x 61,5 cm © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Karl Blechen, Blick auf das Kloster Sta. Scolastica bei Subiaco, 1832, Öl/Lw, 63,4 x 61,5 cm © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
12.08.2015

Baden-Württemberg restituiert Kunstwerk aus der Sammlung des großen Berliner Verlegers Rudolf Mosse

Karlsruhe. Das Land Baden-Württemberg hat kürzlich den Erben von Erna Felicia Lachmann-Mosse das Gemälde „Blick auf das Kloster Sta. Scolastica bei Subiaco“ von Karl Blechen (1832, Öl/Leinwand, 63,4 x 51,5 cm) übergeben. Das Werk gehörte zur umfangreichen Kunstsammlung, die ihr Vater, der Berliner Verleger Rudolf Mosse(1843-1920), seit den 1880er Jahren aufgebaut hatte. Kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde es Erna Felicia und Hans Lachmann-Mosse im Rahmen einer Zwangsauktion widerrechtlich entzogen. Ohne Kenntnis dieser Vorprovenienz kaufte das Land Baden-Württemberg die Arbeit im Jahr 1969 in gutem Glauben bei der Galerie Neumeister für die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe an.

Das restituierte Kunstwerk, ein herausragendes Beispiel der deutschen Italienbegeisterung im 19. Jahrhundert, darf vorerst leihweise in der Sammlung der Kunsthalle bleiben. In der Hoffnung auf die Möglichkeit eines späteren Rückkaufs wird derzeit versucht, die entsprechenden Gelder über den Förderkreis der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zusammenzubringen. Um auf diese besondere Situation öffentlich aufmerksam zu machen, wurde in der Kunsthalle unter dem Titel „Großzügige Leihgabe“ von März bis Juni 2015 eine Sonderpräsentation rund um das Werk und seine Geschichte sowie zur Ehrung Rudolf Mosses gezeigt. Kuratiert wurde die Ausstellung von der Provenienzforscherin des Hauses, Dr. Tessa Rosebrock, die auch die für die Rückgabe erforderlichen Recherchen zu dem Fall durchgeführt hat.

Jürgen Walter, Kunststaatssekretär in Baden-Württemberg: „Es ist uns wichtig unsere Verantwortung gegenüber dem historischen Unrecht wahrzunehmen. Die intensive Förderung der Provenienzforschung in unserem Land hat sich als notwendig und richtig erwiesen.“ J. Eric Bartko, Leiter des Mosse Art Restitution Project: „Im Namen der Mosse Foundation und der Erben Rudolf Mosses danke ich dem Land Baden Württemberg für seinen Willen zur Wiedergutmachung.“

Hintergrund:

Rudolf Mosse (1843-1920) besaß eines der einflussreichsten Verlagshäuser des deutschen Kaiserreichs. Der liberal-konservative Geschäftsmann veröffentlichte über hundert Fachzeitschriften ab 1871 unter anderem auch das legendäre „Berliner Tageblatt“, das bis 1933 zur größten liberalen Tageszeitung Deutschlands avancierte und zu den meistgelesenen deutschen Blättern im Ausland zählte.

Sein umfangreiches Privatvermögen setzte Mosse auch als Förderer, Stifter und Mäzen, etwa für Ferienkolonien, Arbeiterlandheime oder ein Erziehungsheim für Waisenkinder ein. Das Mosse-Palais am Leipziger Platz 15, der Wohnsitz der Familie, beherbergte die große Kunstsammlung, darunter Werke von Adolph Menzel und Max Liebermann. Die private Sammlung war zu zahlreichen Gelegenheiten öffentlich zugänglich.

Gegen Ende der Weimarer Republik verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage des Mosse-Verlags. Unter der Führung von Mosses Schwiegersohn Hans Lachmann Mosse stiegen die Schulden so stark, dass die Firma im September 1932 Konkurs anmelden musste. Ursachen waren die Weltwirtschaftskrise sowie die inhaltliche Ausrichtung des „Berliner Tageblatts“, das sich explizit gegen den antidemokratischen und antisemitischen Geist der deutschen Rechten wendete. Im „Völkischen Beobachter“ wurden die Mitglieder der Familie Mosse deshalb als „volksschädigende Pressejuden“ beschimpft.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten setzten Verfolgungsmaßnahmen gegenüber Hans und seiner Frau Felicia ein. Ihre Privatwohnung wurde von SA-Horden überfallen, die sie unter Androhung von Gewalt dazu zwangen, ihr gesamtes Vermögen in eine Stiftung umzuwandeln. Diese sollte die Rudolf Mosse Handelsgesellschaft verwalten und die Forderungen der Gläubiger befriedigen. Tatsächlich muss der Vorgang als „Quasi-Arisierung“ verstanden werden, da Hans Lachmann-Mosse die Führung des Unternehmens am 15. April 1933 dem parteinahen Vorstand der Stiftung per Generalvollmacht übergab. Nach Unterzeichnung der Urkunde mussten die Eheleute Deutschland verlassen. Das Verlagshaus wurde gleichgeschaltet und zerschlagen; ihr weiterer Besitz wurde der Familie enteignet. Am 29. Mai 1934 wurde im Berliner Auktionshaus Rudolf Lepke die Kunstsammlung Mosse versteigert, ohne dass die Familie etwas vom Liquidationserlös erhielt.

Das Mosse Art Restitution Project wurde von Roger Strauch, einem der Präsidenten der Mosse Foundation, 2012 ins Leben gerufen. Es widmet sich der weltweiten Suche nach Kulturgut aus der Sammlung Rudolf Mosses, das dessen Erben von den Nationalsozialisten entzogen wurde. Das Projekt wird von J. Eric Bartko in enger Abstimmung mit Martin I. Zankel und John J. Bartko von der US-amerikanischen Kanzlei BartkoZankel koordiniert. In Deutschland wird es von Peter Raue, Jan Hegemann und Felix Stang (Anwaltssozietät Raue LLP) unterstützt. Das wesentliche Ziel der Mosse Foundation ist die Förderung der deutsch amerikanischen und deutsch-jüdischen Beziehungen.