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Der Leistungsstand der baden-württembergischen Neuntklässler lässt vor allem im Fach Deutsch schwer zu wünschen übrig.   Foto: dpa
Der Leistungsstand der baden-württembergischen Neuntklässler lässt vor allem im Fach Deutsch schwer zu wünschen übrig. Foto: dpa
28.10.2016

Baden-württembergische Neuntklässler am Tabellenende

Was der Pisa-Schock vor 15 Jahren für Deutschland war, ist der neue Schulleistungsvergleich des Instituts IQB für Baden-Württemberg. Quer durch alle Parteien und Verbände herrscht nach Bekanntwerden der Studie Entsetzen. Baden-Württemberg war bisher mit seinen Schülern immer das Musterländle. Nun rutscht das Bundesland im Fach Deutsch auf die hinteren Ränge ab. Von Platz zwei im Fach Deutsch beim Zuhören landen die Neuntklässler im Land jetzt auf Platz 14, beim Lesen rutschten sie von Platz drei auf Platz 13 und bei der Orthografie vom zweiten auf den zehnten Rang.

In der Studie im Auftrag der Kultusministerkonferenz heißt es, der Anteil der Jugendlichen, die den von der Kultusministerkonferenz vorgegebenen Regelstandard bei Lesen und Zuhören im Fach Deutsch erreichen oder übertreffen, sei zwischen den Jahren 2009 und 2015 signifikant zurückgegangen. Hingegen, sei der Anteil der Schüler, die den Mindeststandard verfehlen, stark gestiegen. In Englisch verbesserten sich die Leistungen, aber geringer als in allen anderen Ländern. Bayern und Sachsen konnten hingegen ihre Spitzenpositionen halten.

Die neue Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), die die Studie in Berlin vorstellt, kann ihre Enttäuschung nicht verbergen. Das Ergebnis sei „Anlass zur Sorge“. Das Thema Qualität und Leistung habe man völlig aus den Augen verloren.

Jahrelang hatten sich die Fraktionen im Landtag in einer ideologisch aufgeladenen Debatte über Schulstrukturen aufgerieben. Dabei stand bei CDU und FDP ein mehrgliedriges, aber durchlässiges Schulsystem an erster Stelle, bei der SPD und den Grünen ein System, das möglichst alle Kinder mitnimmt und ihnen die gleichen Chancen ermöglicht. Die strukturellen grün-roten Veränderungen hätten die Lehrer Zeit und Aufmerksamkeit gekostet, analysiert Eisenmann. „Zeit und Aufmerksamkeit, die für die Weiterentwicklung des Unterrichts gefehlt haben.“

Doch die Einführung der Gemeinschaftsschule als „Schule für alle“ und der Wegfall der Grundschulempfehlung durch Grün-Rot konnten die Neuntklässler, die im Mittelpunkt der IQB-Studie standen, gar nicht betreffen. Insofern kann Grün-Rot nicht als Sündenbock für das miserable Abschneiden Baden-Württembergs herhalten, auch wenn ihre Neuerungen für erhebliche Unruhe an den Schulen sorgten.

Immer klarer zeichnet sich nach der Studie ab, dass es Qualitätsprobleme an den Schulen gibt und ein Mehr an Lehrerstellen diese nicht automatisch behebt. Die Steuerung der Personalressourcen gilt als Herkulesaufgabe. Mancher bezweifelt, dass das Kultusministerium einen genauen Überblick darüber hat, wo genau welche Lehrer eingesetzt sind und wo tatsächlich Personal fehlt. Unvergessen ist der Satz der ehemaligen Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) vom Mai 2012: „Wir geben für Personal acht Milliarden Euro aus, und wir wissen bis heute nicht, an welcher Stelle dieses Geld tatsächlich ankommt.“

Ressortchefin Eisenmann setzt nun auf Erkenntnisse des Landesrechnungshofes, der noch in diesem Jahr die Effizienz des Lehrereinsatzes unter die Lupe nehmen soll. Momentan wird die genaue Fragestellung für die Prüfer aus Karlsruhe gemeinsam von Kultus- und Finanzministerium erarbeitet. Das hatte Eisenmann im August bei den Chefinnengesprächen mit Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne) vorgeschlagen. „Wir rechnen mit ersten Ergebnissen im Mai“, sagte ein Sprecher Eisenmanns. Ziel ist es, Transparenz zu schaffen im Moloch Schule mit seinen knapp 140 000 Lehrern.