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Stuttgart 21

© dpa
09.08.2016

Bahn-Experten wollen trotz Stuttgart 21 Kopfbahnhof übernehmen

Stuttgart. Vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht klagt die Stuttgarter Netz AG gegen das Eisenbahnbundesamt. Die Behörde solle die Bahn dazu zwingen, den bisherigen Kopfbahnhof in der Landeshauptstadt möglichen Konkurrenten anzubieten. Dann will das Bündnis zugreifen - ungeachtet des Betriebs im künftigen Stuttgart-21-Tiefbahnhof.

Was ist die Stuttgarter Netz AG?

Sie wurde mit dem Ziel der Übernahme des Stuttgarter Kopfbahnhofes 2011 von Bahn-Experten und leitenden Mitarbeitern diverser Eisenbahnunternehmen - darunter aber keine aus Stuttgart - gegründet. Auch wenn der Betrieb im unterirdischen Stuttgart-21-Bahnhof beginnt, wollen sie die Station oben drüber zumindest in Teilen erhalten. Fünf bis sechs von derzeit 16 Gleisen will die Netz AG weiter nutzen. Die Netz AG will nur die Infrastruktur übernehmen, den Zugverkehr sollen andere Unternehmen verantworten.

Wie würde es nach einem Erfolg vor Gericht weitergehen?

Nach den Worten des Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens, Rainer Bohnet, würde die Kapitalsuche beginnen, um die Pläne umsetzen zu können. Rund 20 Aktionäre gebe es in der AG bereits.

Wer würde die Infrastruktur nutzen?

Die AG hofft auf private Unternehmen wie die Schönbuchbahn und die Wieslauftalbahn, die Bonet zufolge wegen Kapazitätsengpässen am Hauptbahnhof derzeit in der Peripherie Stuttgarts enden. Deshalb könnte die direkte Anbindung an die Landeshauptstadt für Pendler aus den Regionen Tübingen und Hohenlohe interessant sein. Auch Fernverkehrsunternehmen hätten bereits Interesse an Verbindungen zwischen Stuttgart und Berlin beziehungsweise Hamburg angemeldet. Potenzielle Kunden sieht Bohnet auch in den künftigen Betreibern der Stuttgarter Nahverkehrsnetze, Abellio und Go-Ahead.

Gab es schon einmal ähnliche Überlegungen?

Am Ende der Schlichtung für Stuttgart 21 schlug Schlichter Heiner Geißler im August 2011 überraschend eine sogenannte Kombi-Lösung vor. Demnach sollte der Fernverkehr im auf vier Gleise verkleinerten Tiefbahnhof abgewickelt werden, der Nah- und Regionalverkehr über die abgespeckte oberirdische Station. Bahn, Stadt und Region Stuttgart hatten damals abgewunken. Die Grünen hingegen konnten der Variante einiges abgewinnen.

Wie ist die Stadt Stuttgart betroffen?

Hätte die Netz AG Erfolg, dürfte das der Landeshauptstadt nicht gefallen. Schließlich kaufte sie schon im Dezember 2001 dem Bahnkonzern die Gleisflächen, die wegen Stuttgart 21 überflüssig werden, für 460 Millionen Euro ab. Die Bahn ist nach Angaben der Stadt verpflichtet, die freiwerdenden Flächen spätestens Ende 2020 zu übergeben und zuvor von allen Bauwerken, Gleisen und eisenbahntechnischen Einrichtungen zu befreien. Dort will sie Wohnraum in der City bauen und den Schlossgarten erweitern. Nach Angaben der Kläger wäre Wohnbebauung noch möglich, denn der oberirdische Zugverkehr würde auf deutlich weniger Gleisen als bisher weiter betrieben.

Wie argumentiert die Bahn?

Die Bahn verweist darauf, dass alle relevanten Strecken auch in dem Stuttgart-21-Tiefbahnhof angebunden bleiben. Die alten Gleise seien nicht mehr nötig. Deshalb sei das von der Stuttgarter Netz AG beim Eisenbahn-Bundesamt angestrebte Stilllegungsverfahren samt Angebot an Konkurrenten nicht erforderlich. Entfielen wichtige Anbindungen im neuen Tiefbahnhof, wäre das ein anderer Fall.