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Im Notfall sollen Mitpassagiere die behinderten Mitreisenden die Treppen hinauf tragen, so der Bahnvorstand. Foto: dpa
stuttgart © dpa
19.07.2011

Behindertenvertreter: Bahn verhält sich bei Stuttgart 21 «zynisch»

STUTTGART. Der Fahrgastverband Pro Bahn nennt die Haltung der Bahn zum Thema Behindertenfreundlichkeit im geplanten Stuttgart-21-Tiefbahnhof «zynisch». «Die Aussagen des Bahnvorstandes, im Notfall sollten Mitpassagiere die Behinderten die Treppen hochtragen, ist völlig unrealistisch und ignoriert die Panikforschung», sagte der Behindertenvertreter des Verbandes, Alexander Drewes, der Nachrichtenagentur dpa.

Im Brandfall würden die Lifte abgestellt; Rampen, die dann noch von Rollstuhlfahrern benutzt werden könnten, sind im Tiefbahnhof aber nicht vorgesehen. Menschen in Gefahr wollten sich selbst in Sicherheit bringen und konzentrierten sich natürlicherweise allenfalls auf die Hilfe für ihre Familienmitglieder, erläuterte Drewes. Selbst wenn im Notfall die Behinderten von anderen getragen würden, sei das auf den engen Treppen mit einem Träger auf jeder Seite sehr problematisch und würde Massenpaniken wie bei der Loveparade in Duisburg begünstigen. Mit den Planungen verstoße die Bahn gegen den Geist des Behindertengleichstellungsgesetzes des Bundes, das für öffentliche Einrichtungen den barrierefreien und selbstständig zu bewältigenden Zugang für Behinderte vorsehe. Der bestehende Kopfbahnhof sei von der Nordseite her für Rollstuhlfahrer ebenerdig zu erreichen und auch im Gefahrenfall leicht zu verlassen.

Drewes, der selbst blind, hörgeschädigt und gehbehindert ist, gibt den Anteil von Menschen mit Behinderungen unter den Bahnfahrern mit 15 Prozent an. Auf die Frage, warum keine Rampen im Tiefbahnhof eingeplant seien, meinte er: «Die sind wohl teurer als Rolltreppen und passen nicht in das architektonische Konzept.»

Aber nicht nur in besonderen Gefährdungslagen sei der Bahnhof für Behinderte ungeeignet. Denn die Bahnsteige wiesen ein doppelte Schräge auf, einmal in der Länge und einmal in der Breite. «Das birgt das Risiko, dass Rollifahrer über die Mitte des abgeschrägten Bahnsteiges hinaus auf die andere Bahnsteighälfte sausen und den Gleisen gefährlich nahe kommen.»

Zudem seien die Bahnsteige dort, wo die Rolltreppen aufsetzen, besonders schmal. «Bei einem Abstand von 1,24 Meter zwischen Bahnsteigkante und Rolltreppe kann es für Rollstuhlfahrer, aber auch für Mütter mit Kinderwagen sehr eng werden.»

Auch die im vorgesehenen Fahrplan einkalkulierten Halte- und Umsteigezeiten seien für Behinderte völlig inakzeptabel. Bei den bekanntgewordenen Zeiten von unter zwei Minuten seien manuelle Einstiegshilfen nicht mehr zu verwenden. Umsteigezeiten von fünf bis sechs Minuten im Stuttgart-21-Bahnhof widersprächen den eigenen Bahn-Vorgaben von acht Minuten. «Das heißt, als Behinderter verpasst man alle Fernverkehrszüge und die meisten Nahverkehrszüge und muss regelmäßig eine, im schlimmsten Fall vier Stunden auf die nächste Verbindung warten.» dpa

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