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04.10.2012

Bitte nicht grölen: Karaoke im Karlsruher "Singesong"

Karlsruhe. Versteckt hinter einer schallisolierten Tür im Keller eines Karlsruher Mietshauses herrscht Berlint Schoeber über sein Reich: die Wunderwelt des Karaoke-Singens. Seit etwa 20 Jahren steht der 56-Jährige – ein Bonvivant mit Brille und sanftem Lächeln – hinter seinem Mischpult. Er moderiert, erklärt, hantiert an Schaltern herum und erfüllt Liedwünsche. Mehr als 10 000 Karaoke-Songs hat er für Gesangsfreudige im Repertoire, von A wie «Alle meine Entchen» bis Z wie «Zombie».

Bildergalerie: Gema droht Karlsruher Karaoke-Bar "Singesong"

Mut und Stimme sind in der Karlsruher Karaoke-Bar «Singesong» gefragt. Seit rund 20 Jahren wird dort nach asiatischem Vorbild vom Schirm abgesungen. Jetzt droht die Gema.

Im Moment schallt «Someone like you» durch den dunklen Raum, in dem die Zeit in den 1990er Jahren stehengeblieben zu sein scheint. Das Lied von Adele aus den Charts kommt aus den Kehlen einiger junger Damen, deren Outfits eindeutig auf einen Junggesellinnen-Abschied schließen lassen. Die zukünftige Braut heißt Alicia, ist 30 Jahre alt und zum ersten Mal hier. Sie freut sich über die große Auswahl, vor allem aber über die Ernsthaftigkeit und die Professionalität, mit der im «Singesong» dem Karaoke gehuldigt wird.

«Mir ist vor allem wichtig, dass der Wohlfühl-Faktor stimmt», ruft Schoeber hinter seinem PC hervor. Zwischen schwarzen Ledersitzecken und Röhrenbildschirmen, auf denen Buchstaben und Musikvideos vorbeihuschen, wirkt er wie ein Fels in der Brandung. «Wir wollen hier keine Besoffenen, die sich daneben benehmen und für die Karaoke nur Halligalli bedeutet.» Gröler kann er nicht leiden.

Seine Bar funktioniert nach asiatischem Vorbild. Gesungen wird vor allem im Sitzen. Jeder Tisch ist mit zwei Mikrofonen ausgestattet. Keiner muss auf die Bühne, wenn er nicht unbedingt will. Auf einem Zettel können die Gäste ankreuzen, ob sie ein Solo möchten, oder ob ihr Lied für alle zum Mitsingen freigegeben ist. Letzteres bevorzugen vor allem Anfänger, die sich alleine noch nicht trauen.

«Ich glaube, wir sind die einzige Karaokethek in Deutschland, die nach diesem Prinzip arbeitet», sagt der Inhaber und fügt hinzu: «Um den Titel der ältesten Karaoke-Bar streiten wir uns allerdings mit dem "Fun-Pub" in Stuttgart.» Das passt zur alten Rivalität zwischen Baden und Württemberg. Den Besuchern sind derlei Finessen egal. Sie kommen einfach gerne, entstammen allen Altersgruppen und sozialen Schichten. Etwa zwei Drittel sind Frauen.

Viele von ihnen sind über die Jahre zu Stammgästen geworden. Wie Tanja, die der Karlsruher Kellerbar seit 1996 die Treue hält und gerade eine beeindruckende Version des Ray-Charles-Klassikers «Georgia on my mind» abgeliefert hat. Ihre schöne Stimme hat die 34-Jährige hier entdeckt – und auch den Mann, mit dem sie heute verheiratet ist. Genau wie Schoeber, der in seiner eigenen Bar noch nie gesungen hat, schaltet sie bei schlechteren Beiträgen «einfach auf Durchzug». Und wenn's ganz schlimm ist, geht sie vor die Tür, «eine Zigarette rauchen».

A propos: Das Nichtraucherschutzgesetz hat dem «Singesong» einen leichten Schlag versetzt: Einige Sänger sind ferngeblieben. Aber das Lokal wirft für Schoeber und seine Frau, die er während eines vierjährigen Aufenthalts in Thailand kennengelernt hat, immer noch genug zum Leben ab. «Was uns das Genick brechen könnte, sind die neuen Gema-Regelungen, die momentan zur Diskussion stehen.»

Schon jetzt zahlt Schoeber neben den Gebühren für das «Abspielen von Musik vom PC» einen Zuschlag für Live-Musik. «Wenn die Tarif-Überarbeitung in ihrer angedachten Form wirklich durchgeht, dann kann ich den Laden wahrscheinlich dicht machen.»

Für viele Hobbysänger wäre das ein herber Schlag. Sie würden einen Ort der Selbstverwirklichung verlieren, einen Platz, an dem vor allem der Mut zählt und nicht so sehr das Talent. In einer Ecke stimmt ein junger Mann «Die Biene Maja» an. Tanja geht eine Zigarette rauchen.