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Rocker kontra Türsteher - Hells Angels, United Tribuns, Black Jackets, Gremium, Red Legion

© Symbolbild:dpa
11.10.2016

Black Jackets contra Red Legion: Tödlicher Gang-Streit erneut vor Gericht

Stuttgart (dpa/lsw) - Das Landgericht Stuttgart hat sich am Dienstag noch einmal mit einer tödlichen Schlägerei unter Gangs vor knapp vier Jahren in Esslingen befasst. Der heute 28 Jahre alte Angeklagte, ein mutmaßlicher Rädelsführer, ließ über seine Anwälte verlauten, dass er sich im Laufe des Prozesses zum Tatgeschehen äußern wolle. Voraussichtlich am kommenden Freitag solle dies geschehen. Zudem sollen laut Gericht zwei Zeugen in dem Fall vernommen werden, darunter einer, der bislang nicht gehört wurde.

Der Bandenkrieg zwischen den ursprünglich aus Heidenheim stammenden Back Jackets und der mittlerweile verbotenen, rockerähnlichen Gruppierung Red Legion hatte im Dezember 2012 seinen Höhepunkt erreicht: Mindestens 26 Anhänger der Red Legion waren vor einer Bar in der Innenstadt, teilweise mit Stöcken und Messern bewaffnet, auf etwa zehn Black Jackets losgegangen. Am Ende der Schlägerei brachen mehrere Beteiligte schwer verletzt zusammen, einer verblutete noch am Tatort.

Der angeklagte Red-Legion-Anhänger war bereits wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden, später änderte der Bundesgerichtshof (BGH) den Richterspruch mit Verweis auf eine ungenügende Beweislage für den Mordvorwurf. Es habe keinen gemeinsamen Tatplan gegeben, der vorsah, dass Waffen eingesetzt oder Gegner getötet werden, entschieden die Richter. Eine Verurteilung als Mittäter bei einem Mord sei deshalb nicht möglich - wohl aber wegen gemeinschaftlich begangener Körperverletzung mit Todesfolge.

Ein zweiter mutmaßlicher Haupttäter musste nach einer neuen Festlegung des Strafmaßes im August für sechseinhalb Jahre ins Gefängnis. Auch in diesem Fall hatte der BGH das Urteil wegen Mordes in den geringeren Tatvorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge geändert. Nun muss das Stuttgarter Gericht auch ein Strafmaß für den zweiten Angeklagten finden.

Der Fall gestaltete sich für die Justiz von Anfang an als undurchsichtig, die genauen Abläufe waren auch knapp vier Jahre nach der Tat nicht gänzlich aufgeklärt. Die entscheidende Frage, wer dem getöteten Black-Jackets-Anhänger den fatalen Messerstich ins Herz versetzt hatte, blieb bisher offen.

 

Rockerkrieg in Pforzheim

Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels und United Tribuns sind den Menschen in Pforzheim noch gut in Erinnerung. Ende 2010 kam es auf dem Pforzheimer Güterbahnhof-Gelände zu einer Massenschlägerei. Rund 40 Rocker schlugen sich auf einem Parkplatz mit Macheten und Baseballschlägern, ein von einem Messerstich verletzter Mann schwebte in Lebensgefahr – und es fiel ein Schuss aus einer scharfen Waffe. Die Kugel schlug zum Glück in einem abgestellten Lieferwagen ein, in dem niemand saß.

Von da an gab es polizeiliche Untersuchungen und Razzien bei den beiden Gruppen. Höhepunkt der Aktionen: Der Pforzheimer Verein der Hells Angels wurde verboten. Nach einigen Prozessen hört man im Augenblick nicht mehr viel von den Höllenengeln. Um die United Tribuns ist es in Pforzheim ebenfalls ruhiger geworden. Die Black Jackets, eine dritte Gruppe, die im Türstehermilieu der Region um Pforzheim mitmischte und rockerähnlich strukturiert war, verschwanden in der Bedeutungslosigkeit, nachdem zuerst die Jugendgruppe aufgelöst und der Gruppenführer zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Nur ganz am Rande spielten auch die Rocker vom Gremium MC eine Rolle in Pforzheim. Sie scheiterten zum Beispiel mit einem Motorrad-Korso durch die Stadt, der wohl als Provokation der Hells Angels gedacht war. Stress mit Mitgliedern der Bandidos, die sich anderswo in Deutschland heftige Gefechte mit den Hells Angels lieferten, gab es in Pforzheim mangels einer Bandidos-Gruppe nicht. In der weiteren Region hat zuletzt die Gruppe der Red Legion für Aufsehen und Polizeieinsätze gesorgt. In Pforzheim jedoch sind sie noch nicht bemerkenswert aufgefallen.

Im Sommer 2016 machten die „Osmanen“ in Pforzheim von sich reden, eine mutmaßlich aus Istanbul gesteuerte türkisch-nationale Kuttenträger-Vereinigun. In einer Pforzheimer Disko auf der Wilferdinger Höhe wollten sie ein lokales Chapter – gewissermaßen einen Ortsverein – gründen. Die Polizei, die mit starken Kräften vor Ort war und die Personalien der „Osmanen“ aus ganz Deutschland aufnahm, sprach von etwas über 200 Teilnehmern. Bisher, so Erkenntnisse des Landeskriminalamts (LKA), gab es sechs Chapter in Baden-Württemberg: in Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, Heilbronn, Konstanz und Ravensburg. Geschuldet war das Großaufgebot der Ordnungsmacht auch der Tatsache, dass man ein mögliches Aufeinandertreffen der „Osmanen“ mit Mitgliedern der kurdisch dominierten, ebenfalls rockerähnlichen Vereinigung „Bahoz“ unbedingt verhindern wollte.