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Marian Schreier ist Bürgermeister der Stadt Tengen, Baden-Württemberg, und mit 25 Jahren jüngster Bürgermeister Deutschlands.
Marian Schreier ist Bürgermeister der Stadt Tengen, Baden-Württemberg, und mit 25 Jahren jüngster Bürgermeister Deutschlands. © dpa
18.05.2015

Bürgermeister mit 25 Jahren

Tengen/Berlin (dpa/lsw) - Eine Sache will Marian Schreier auf jeden Fall noch machen: Seinen Führerschein. Denn am 20. Mai tritt der 25-Jährige sein Amt als Bürgermeister in der kleinen Stadt Tengen im Kreis Konstanz an. «Die Gemeinde hat neun Teilorte. Ohne Auto geht das nicht», sagt der SPD-Politiker. Und schon gar nicht will er als Jungspund ohne Führerschein dastehen. Denn zumindest zum Zeitpunkt seiner Wahl sei Schreier der jüngste hauptamtliche Bürgermeister Deutschlands gewesen, sagt ein Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebunds.

Schreier ist allerdings nicht der einzige junge Politiker auf dem Rathaussessel: Im brandenburgischen Forst übernahm Anfang Mai der ebenfalls 25-jährige SPD-Politiker Philipp Wesemann die Amtsgeschäfte. 2014 wurde in Haßmersheim im Neckar-Odenwald-Kreis Michael Salomo gewählt - auch als SPD-Politiker, auch mit 25 Jahren. Wer nun jeweils aktuell der jüngste Bürgermeister sei, sei bei 11 500 Kommunen nicht so einfach zu bestimmen, sagte der Sprecher.

Sein Alter sei im Wahlkampf aber relativ wenig thematisiert worden, sagt Schreier. «Das Auftreten ist wichtiger.» Um von den Tengenern ernst genommen zu werden, machte sich der 25-Jährige bis ins Detail schlau über die wichtigen Themen im Ort und arbeitete ein Programm für Tengen aus. Mit Erfolg: Schreier holte in der Gemeinde mit rund 4500 Einwohnern mehr als 70 Prozent der Stimmen, wie die Stadt mitteilte.

Noch besser war nur sein Vorgänger im Amt: Helmut Groß (parteilos), der nach mehr als 40 Jahren in den Ruhestand geht, war bei seinem Amtsantritt ebenfalls 25 Jahre alt. «Damals gab es vier Bewerber, und ich habe 90 Prozent der Stimmen bekommen», sagt Groß bei der Wahl Schreiers im März. Nun setze er viel Hoffnung in seinen Nachfolger. «Wichtig ist der Wille und die Arbeit - vor allem, dass man versucht, die Bevölkerung mitzunehmen.»

Plant Marian Schreier auch mehr als 40 Jahre im Amt? «Eher nicht», sagt der Politik- und Verwaltungswissenschaftler. Das habe er im Wahlkampf deutlich gemacht. Die erste Amtszeit will Schreier aber durchziehen. «Und prinzipiell ist auch eine Wiederwahl denkbar.»

Sein früherer Professor an der Uni Konstanz, Wolfgang Seibel, rechnet sogar mit einer Abwerbung Schreiers. «Ich glaube nicht, dass er sich in den nächsten 5 Jahren woanders bewirbt, aber ich kann mir gut vorstellen, dass er angesprochen wird», sagt Seibel. «Schreier bringt etwas mit, das ihn für eine weitere politische Karriere geradezu prädestiniert: Er lernt das kommunalpolitische Geschäft und das Verwaltungshandwerk von der Pike auf.» Zwar durchlaufe er einen anderen Karriereweg, als jemand, der jung ins Parlament gewählt werde. «Aber die haben diese Bodenhaftung ganz zwangsläufig nicht.»

Aber warum entscheiden sich Wähler für einen so jungen Kandidaten? «Da gibt es keine Forschungsergebnisse, man kann also nur intelligent spekulieren», sagt Scheible. «Schreier ist mit einem sehr hohen Wahlergebnis gewählt worden. So was kommt nur zustande, wenn er im Wahlkampf auch als Person überzeugt hat. Und die Leute sich sagen: Das ist zwar ein junger Spund, aber er wirkt so kompetent und reif, dass man ihm das zutraut.»

Schreier wurde im vergangenen Herbst von einem Freund auf die freie Bürgermeisterstelle in Tengen hingewiesen. Um sich einen Eindruck von Tengen zu verschaffen, stürzte sich der gebürtige Stuttgarter, der nach seinem Studium an der Uni Konstanz bei SPD-Politiker Peer Steinbrück arbeitete, direkt ins pralle Gemeindeleben: Er fuhr zum Tengener «Schätzele-Markt», einem traditionellen Volksfest mit Riesenrad, Achterbahn und Autoscooter.

Das volle Programm also? «Klar», sagt Schreier. «Da sind die Leute im Ausnahmezustand.» Später tritt er bei Fastnachtsterminen auf, diskutiert mit Tengenern über ein defizitäres Pflegeheim, schnelleres Internet, einen neuen Jugendtreff und stärkere Bürgerbeteiligung.

Nach seiner Vereidigung am 20. Mai will er unter anderem Dienstleistungen in der Verwaltung digitalisieren, ein Beschwerde-Management einrichten, Windkraftprojekte prüfen und Bürgerabende einführen. Glaubt er, dass er am Anfang noch ein bisschen Welpenschutz genießen wird? «Ich denke schon», sagt Schreier. «Die akuten Probleme warten aber nicht.»