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23.01.2014

Der Energieversorger EnBW erfindet sich neu

Karlsruhe. Die großen Energiekonzerne müssen sich neu erfinden. Ihr Geschäftsmodell, mit Großkraftwerken Kohle zu machen, bricht mit der Energiewende zusammen. Das gilt besonders für den bisherigen Atomstromer EnBW. Frank Mastiaux, seit Oktober 2012 Chef des drittgrößten deutschen Energiekonzerns, krempelt das Unternehmen komplett um.

Der 49-Jährige entwirft digitale Stromvisionen, setzt auf Kunden-Partnerschaften beim Stromsparen und auf Know-how in der Entsorgung von Atomanlagen. Die EnBW habe einen sehr ambitionierten Plan, aber die Umsetzung brauche ihre Zeit, sagt Mastiaux. Und Geld. Die Erträge aus der Windkraft stimmen ihn schon mal zuversichtlich.

«Früher haben wir einen wesentlichen Teil unserer Geschäftsergebnisse aus Kernenergie und konventionellen Kraftwerken erwirtschaftet», sagt der promovierte Chemiker. Das war einmal. Bis zum Jahr 2020, schätzt er, werden die Erträge aus den konventionellen Kraftwerken von heute 1,2 Milliarden Euro auf 0,3 Milliarden Euro sinken. Gleichzeitig soll erneuerbare Energie aus Windkraft und Wasser massiv ausgebaut werden. Doch das ist nur eine Baustelle.

«Wir werden in die wesentlichen Wachstumsfelder dezentrale Erneuerbare, Netze und Infrastruktur sowie Dienstleistungen rund um die Energieversorgung und nahe an unseren Kunden investieren», erläutert Mastiaux im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Dieser Veränderungsprozess ist fundamental. Wir werden 2020 ein völlig anderes Unternehmen sein.»

Doch womit verdient der Versorger mit seinen rund 20.000 Mitarbeitern und 20 Milliarden Euro Umsatz in der Zwischenzeit sein Geld? «Den Ergebnisrückgang in unserem traditionellen Geschäft werden wir mit anderen, neuen Geschäftsfeldern kompensieren», sagt Mastiaux. Einiges ergibt sich aus den Notwendigkeiten der Infrastruktur: Der mehrheitlich im öffentlichen Besitz befindliche Versorger profitiert vom notwendigen Ausbau des Stromnetzes von Norden nach Süden. «Wir sind das einzige Energieunternehmen in Deutschland, das noch ein eigenes Übertragungsnetz hat.»

Zugleich will der frühere Eon-Manager alle Standorte und Beteiligungen unter die Lupe nehmen und den Karlsruher Konzern wendiger machen. Zwar seien die Ziele des internen Sparprogramms «Fokus» - es sieht den Abbau von 1350 Stellen und Einsparungen von 750 Millionen Euro bis Ende 2014 vor - im vergangenen Jahr übertroffen worden. Doch jetzt gelte es, «diese "Effizienzkultur" weiter im Unternehmen zu verankern und fortzusetzen», betont er.

Auch für EnBW-Kunden werden die Zeiten nicht leichter. Vor allem große Unternehmen wollen Versorgungssicherheit, stabile Preise und eine Technik, die hilft, Kosten zu drücken. «Man kann sehr viel gemeinsam machen.» Bei Energiekosten sieht Mastiaux große Potenziale: Hier könnten Unternehmen bis zu 20 Prozent sparen. Übrigens auch Haushalte, wie ein Versuch gezeigt hat. Die EnBW will beim Energiesparen helfen - und dabei Geld verdienen.

«Smarte» Technologien und der neue Energiemarkt, an dem nun auch Hauseigentümer mit ihren Solaranlagen teilnehmen, bieten Chancen: «Unser System-Know-how wird einen ganz neuen Stellenwert haben», ist der EnBW-Chef überzeugt.

Mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wird intensiv an digitalen Lösungen getüftelt. Allein für Forschung gibt die EnBW im Jahr fast 30 Millionen Euro aus - viel für einen Energieversorger, der an sich kein Technologieentwickler ist. Ein großer Teil davon geht in IT-Lösungen, smarte Technologien und Cloud-Computing. «Das ist eines unserer Zukunftsthemen», sagt Mastiaux.

Und aus der Not, die EnBW mit den Altlasten der abgeschalteten Atommeiler hat, will sie eine Tugend machen: Mit dem Kernkraftwerk Obrigheim (Neckar-Odenwald-Kreis), das 2005 als damals ältester kommerziell betriebener Atommeiler in Deutschland vom Netz ging, ist die EnBW ein Abwrack-Vorreiter bei solchen Anlagen. Die Erfahrung sollen national und international vermarktet werden. «Wir haben bei der Planung und Realisierung des bereits weit fortgeschrittenen Rückbaus in Obrigheim viel Erfahrung und Know-how gesammelt», erklärt Mastiaux. «Diesen Erfahrungsschatz werden wir beim Rückbau von Neckarwestheim I und Philippsburg 1 weiter ausbauen.»

Für den aus dem Ruhrpott ins Badische gewechselten Energieboss gibt es noch viel zu tun. Puste genug dürfte er als Halbmarathon-Läufer haben.