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Es gibt wieder Biber am Unterlauf des Neckars. Foto: dpa
biber © dpa
20.07.2011

Der Neckar als Liebesnest für Biber

BAD WIMPFEN/HEIDELBERG. «Meister Bockert» ist zurück. Nach mehr als 160 Jahren tummelt sich der Biber wieder putzmunter am Unterlauf des Neckars und seinen Nebenflüssen. Seine Feinde sind aber nicht mehr Wölfe und Bären, sondern in erster Linie der Mensch.

Mein lieber Biber: Eine außergewöhnliche Kontaktbörse der monogamen Liebe ist fast unbemerkt am unteren Neckar entstanden. Zwischen Bad Wimpfen bei Heilbronn und Heidelberg siedelt Europas größtes Nagetier wieder - vor allem um sich fortzupflanzen. «Die von ihren Eltern bewusst ausgestoßenen Jungtiere kommen nach Wiederansiedlungen in Bayern über die Kocher und Jagst auch in das untere Neckargebiet und suchen einen Partner fürs Leben, um Nachkommen zu zeugen», berichtet Peter Baust vom Naturschutzbund Mosbach. Jungtiere suchen im vierten Lebensjahr nach einem Partner fürs Leben - und wandern dafür bis zu 100 Kilometer.

Äußerst scheu und nachtaktiv sind die streng geschützten Tiere, die in Fabeln gern «Meister Bockert» genannten wurden. Meist belegen nur Fraßspuren, dass ein Biber da war. So habe er vor kurzem noch einen mit Biberzähnen gefällten Apfelbaum in Mosbach gefunden, berichtet Beust. Ab und an würden auch Biber gefunden, die von Autos überfahren wurden. Andere seien schon in Freibadbecken gefallen und kamen nicht mehr raus. Die Experten seien davon überzeugt, dass die Tiere in ihren Lebensbereichen die Artenvielfalt anregen und zur Renaturierung beitragen.

Den Gesamtbestand der Biber in Baden-Württemberg schätzt die Biologin Bettina Sättele vom «Fachbüro Biberfragen» aktuell auf bis zu 1800 Tiere. Unter idealen Lebensbedingungen könnten diese bis zu 20 Jahre alt, 80 Zentimeter lang und 35 Kilogramm schwer werden. «Im gesamten Südwesten haben wir wieder Bibervorkommen, auch durch eine Einwanderung über die Schweiz», sagt Sättele. Auch im Schwenninger Moos als Quellgebiet des Neckars gebe es Biberspuren. «Ich gehe davon aus, dass der Fluss nun von verschiedenen Richtungen von den Tieren zurückerobert wird.». Die Wissenschaftlerin kümmert sich über das Regierungspräsidium Freiburg als Bibermanagerin um die Nagetiere.

Und welche Wege geht der Nager? Da die Biber nicht markiert seien, gebe es dazu bisher wenige Erkenntnisse, sagt Sättele. Zwar stellten die alten Feinde wie Wolf, Bär oder Luchs «zumindest zurzeit» keine Gefahr dar, doch gebe es neue Feinde: wildernde Hunde etwa und der Mensch. «Die Staustufen des Neckars sind immer wieder eine Herausforderung, weil die Biber diese bei ihren Wanderungen umlaufen müssen und so schnell von Autos überfahren werden können», berichtet Sättele. Eine Biberfeindschaft gebe es aber nicht. Dazu sei ihre Zahl noch zu gering. Bäume könnten durch Drahthosen, Felder durch Elektrozäune wirkungsvoll geschützt werden.

Mitte des 19. Jahrhunderts starben die Biber im heutigen Baden-Württemberg komplett aus. Wegen ihrer knapp 23 000 Haare pro Quadratzentimeter war ihr Fell ebenso begehrt wie das Aftersekret «Bibergeil», dem heilende Kräfte nachgesagt wurden. Im Mittelalter hatte die katholische Kirche die Biber außerdem zu fischähnlichen Wesen erklärt - wegen den Schwimmhäuten an den Hinterbeinen und ihrem beschuppten Ruderschwanz. In der Fastenzeit aßen die Menschen deshalb gerne Biberfleisch. In Baden-Württemberg und Bayern erinnern zudem Orts- und Flussnamen wie Biberach und Biber an die reichen Populationsvorkommen der Vergangenheit. dpa

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