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Kriminalhauptkommissar Rainer Wortmann demonstriert in seinem Büro im Landeskriminalamt Baden-Württemberg in Stuttgart die Erstellung eines Phantombildes. Foto: dpa
Kriminalhauptkommissar Rainer Wortmann demonstriert in seinem Büro im Landeskriminalamt Baden-Württemberg in Stuttgart die Erstellung eines Phantombildes. Foto: dpa
Am Computer kann der Experte Wortmann aus den verschiedensten Nasen, Mündern, Augen, Haaren , Bärten und Brillen auswählen. Foto: dpa
Am Computer kann der Experte Wortmann aus den verschiedensten Nasen, Mündern, Augen, Haaren , Bärten und Brillen auswählen. Foto: dpa
07.01.2016

Der Verbrecher erhält ein Gesicht

Rainer Wortmann ist Spezialist im Herstellen von Phantombildern. Er ist Tätern meist mit Computer und manchmal mit Bleistift auf der Spur.

Große oder kleine Ohren, breite oder schmale Nase, volles oder schütteres Haar: Der 48 Jahre alte Rainer Wortmann gibt einem Verbrecher ein Gesicht. Er ist Fachkoordinator Phantombild beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg in Stuttgart. „Ich lasse die Leute frei erzählen, um an die notwendigen Informationen zu kommen“, sagt er. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt. Denn oft sind die Zeugen oder Verbrechensopfer noch traumatisiert, wenn sie mit Wortmann oder einem seiner 40 Kollegen im Land zu tun haben.

Je mehr ein Betroffener vom Täter bedrängt worden ist, umso besser ist die Information abgespeichert. „Ich versuche, die Erinnerung zu visualisieren.“ Augen blieben am häufigsten gut im Gedächtnis, erklärt Wortmann, der an seinem Computer aus den unterschiedlichsten Nasen, Mündern, Augen und Haaren auswählen lassen kann. Die können beliebig zusammengesetzt und per Mausklick rasch verändert werden. Insgesamt 4000 Gesichter umfasst die zur Verfügung stehende Datei. „Von einer Stupsnase hat jeder eine andere Vorstellung.“ Bei seiner Arbeit muss der Fachmann auch immer wieder auf die Proportionen des entstehenden Bildes achten. Denn die Augen dürfen weder zu weit oben noch zu weit unten hängen. Für die Arbeit ist also viel Erfahrung notwendig.

Der 48-Jährige hat eine Ausbildung beim amerikanischen FBI gemacht. Er musste drei selbstgezeichnete Bilder einreichen. „Gesichter zeichnen ist sehr schwer“, sagt er. Besonders kniffelig sei die Arbeit mit den Schattentechniken. Bevor er die Zusage für den Kurs bekam, hat Wortmann ein Jahr lang intensiv geübt. So besuchte er unter anderem einen Volkshochschulkurs im Porträtzeichnen und verschlang jede Menge Literatur, die er zum Thema Phantombilder auftreiben konnte. Die Bilder gehen weit über das klassische Porträt hinaus. Ihre Funktion diene dazu, alles festzuhalten, was einen individuellen Wiedererkennungswert hat. „Manchmal reicht das Muttermal an der richtigen Stelle dazu schon aus.“

In der Regel dauert es eineinhalb Stunden, bis ein entsprechendes Bild gefertigt ist. Im Südwesten werden pro Jahr 300 bis 400 Phantombilder erstellt. Es wird nicht jedes veröffentlicht. Wortmann berichtet von Fällen, bei denen beispielsweise seine Kollegen ihre einschlägigen Kunden anhand des Bildes sofort erkannten – das reicht vom Sexualstraftäter bis hin zum Erpresser. Bei veröffentlichten Bildern beträgt die Trefferquote rund 30 Prozent, so die Erfahrung des Kriminalhauptkommissars, der nur noch selten mit dem klassischen Bleistift zeichnet. „So beispielsweise bei Tätowierungen. Das geht schneller.“

Da Verbrecher auch mit der Mode gehen, muss Wortmann die Datenbank immer auf dem Laufenden halten. „Gerade sind Bärte in. Also braucht man Bärte.“ Und auch die Brillenmode ändert sich. Und deshalb ist der 48-Jährige auch öfter beim Optiker unterwegs, um sich die neusten Modelle auszuleihen, damit sie in die Datenbank eingepflegt werden. Der Polizist hat die Erfahrung gemacht, dass Frauen oftmals detailreicher beschreiben als Männer. Und jeder Berufsstand achtet auf etwas anderes besonders: Friseure etwa auf Haare. „Und ich hatte mal eine Zahnarzthelferin, die hatte die Zahnstellung sehr genau wiedergegeben.“