nach oben
29.01.2015

Die Suche nach sich selbst scheitert an mütterlicher Demenz

Karlsruhe. Zuneigung und Liebe, Verzweiflung und Hass wechseln sich zwischen einer Mutter und ihrer schwangeren Tochter immer wieder ab. Die 1939 geborene Mutter kommt nach langem Hin und Her in ein Altenheim. Sie ist vergesslich geworden und wird langsam dement. Doch bevor ihre Erinnerungen endgültig zerbröseln, hat ihre 40-jährige Tochter noch Fragen: «Wer war mein Vater?» Die Mutter entwickelt sich zurück zum Kind und verweigert bis zum Schluss die Antwort.

Bildergalerie: Die Suche nach sich selbst scheitert an mütterlicher Demenz

Der Plot des am Mittwochabend am Staatstheater Karlsruhe uraufgeführten Stücks «Du sollst den Wald nicht vor dem Hasen loben» des Schriftstellers Jörg Klare hat es in sich. Die 90-minütige Auseinandersetzung mit der Volkskrankheit Demenz ist drastisch und humorvoll zugleich - das Publikum war begeistert.

In dem Zwei-Frauen-Stück mit Eva Derleder und Eva Schlegel in einem raffiniert-drehbaren Wohn-Nasszellen-Altenheim-Sargelement und musikalischen Bruchstück-Elementen wird episodenhaft der langsame geistige Zerfall einer Akademikerin dargestellt, die zuerst die Sprachkompetenz verliert. Sie büßt aber auch kontinuierlich die Kontrolle über ihr Leben, ihre Erinnerungen und somit ihre Identität ein. Im Altenheim geht es dann vor allem um die Frage, welche Qualität der Stuhlgang hat.

Das Bühnenbild von Martin Miotk verstärkt dabei den Zerstörungsprozess, mit surrealistischen Bildern wird die Enge und zeitgleich die Trostlosigkeit des sterilen Pflegeheims symbolisiert.

Mit emotionaler Erpressung oder dem Vervollständigen von Sprichwörtern versucht die Tochter mehr über ihre eigene Herkunft zu erfahren. Vergeblich. Auch das Vorspielen von alten Kassetten mit oberflächlichen Lebenserinnerungen der Mutter hilft nicht weiter. Nur dem Zuschauer wird durch einen Fieberwahn der vom Tode Gezeichneten deutlich, dass die Mutter irgendwann eine Affäre mit einem Südamerikaner hatte, von ihm schwanger wurde, aber als emanzipierte und selbständige Frau nicht heiraten wollte.

Die emotionale Orientierungslosigkeit der Tochter hat sie in ihrer Ich-Bezogenheit nie bemerkt. Die konstruierte Realität, der Vater sei kurz nach der Geburt gestorben, bricht schließlich zusammen, als die Tochter einen Karton mit alten Fotos und Briefen findet. Es folgt der langsame Abschied mit durchaus schönen und glücklichen Momenten zwischen den beiden Protogonistinnen.

Das sehenswerte und spannende Stück unter der einfühlsamen Regie von Katrin Plötner ist eine Weiterentwicklung des Buches «Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand» (2012). In diesem verarbeitete Jörn Klare die Alzheimer-Krankheit seiner eigenen Mutter. In Deutschland sollen bereits mehr als eine Million Menschen an Demenz erkrankt sein, zwei Drittel davon an Alzheimer. Bis zum Jahr 2050 soll sich die Zahl der Demenzkranken wegen des demografischen Wandels verdoppeln.