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Die Tage von Philippsburg I sind gezhlt.
Die Tage von Philippsburg I sind gezhlt © dpa
18.05.2011

Die Tage von Philippsburg I sind gezählt

PHILIPPSBURG. Das Atomkraftwerk Philippsburg I ist noch nicht einmal gegen den Absturz eines kleinen Flugzeugs gesichert und bleibt daher voraussichtlich für immer vom Netz. Dies hat Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) bei der Vorstellung des Berichts der Reaktorsicherheitskommission gestern in Berlin signalisiert. Wie Biblis A und B sowie Brunsbüttel erfüllt Philippsburg I nicht einmal die kleinste der drei geprüften Sicherheitsstufen. Es gebe dort „keine nachgewiesene Sicherheitsauslegung“, sagte Röttgen.

Auch die Landesregierung rechnet mit dem endgültigen Aus, wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) gestern in Stuttgart erklärte: Alle während des Moratoriums heruntergefahrenen Meiler – darunter auch Philippsburg I und Neckarwestheim I – sollten nicht mehr ans Netze gehen, forderte Kretschmann. Die restlichen Atomkraftwerke müssten dann „nach und nach“ abgeschaltet werden, so Kretschmann, der das endgültige Aus für die Atomkraft in Deutschland „um das Jahr 2020 herum“ prognostiziert. Der Regierungschef fügte hinzu: „Der Ausstieg muss unumkehrbar sein.“
Landesumweltminister Franz Untersteller (Grüne) sagte: „Bei einem Szenario mit einem terroristisch motivierten gezielten Flugzeugabsturz auf das Kernkraftwerk reicht die Betonhülle nicht aus, um einen atomaren Unfall auszuschließen.“ Die Reaktorsicherheitskommission gab zwar keine Empfehlung für die Abschaltung, weil die AKW nachgerüstet werden könnten. Untersteller sagte aber, „die Betonhülle zu verstärken und den Meiler technisch nachzurüsten, würde Investitionen im oberen dreistelligen Millionenbereich nach sich ziehen“. Ein Weiterbetrieb dürfte sich damit nicht mehr lohnen. Die nicht ausreichenden Sicherheitsreserven seien „das K.o.-Kriterium“ für den Weiterbetrieb.
Die Entscheidung darüber liege zwar beim Betreiber EnBW. Untersteller betonte aber: „Bei Sicherheitsanforderungen wird es keine Abstriche geben. Insoweit ist die Entscheidung vorgezeichnet.“ Der AKW-Betreiber EnBW in Karlsruhe wollte den Bericht nicht kommentieren, sondern erst eingehend prüfen. Dies werde einige Zeit dauern, sagte ein Sprecher. Der Konzern erinnerte an die fast zeitgleichen Kontrollen durch das baden-württembergische Umweltministerium: Sie seien zu dem Ergebnis gekommen, dass die Meiler den Sicherheitsansprüchen genügen. Ministerpräsident Kretschmann erwartet nicht, dass die EnBW gegen den Atomausstieg klagt. Dieser müsse unumkehrbar sein. „Alle müssen sicher sein können, dass es dann auch endgültig aus ist mit der Atomkraft in Deutschland“, sagte Kretschmann. Die beiden verbleibenden Reaktoren im Südwesten, Neckarwestheim II und Philippsburg II, sollten „nach und nach“ abgeschaltet werden.
Deutschlands erster grüner Ministerpräsident stellte drei Bedingungen für den Ausstieg: Dieser müsse zum einen strategisch so erfolgen, dass Deutschland nicht auf Atomstrom-Importe angewiesen sei. Soll heißen: „Die regenerativen Energien müssen den Atomstrom ersetzen.“ Das schließt laut Kretschmann zum anderen die Kohle als Ersatz für die Kernenergie aus. Und drittens darf es nach Ansicht des Miniserpräsidenten „keine Explosion der Energiepreise“ geben. Allerdings rechnet Kretschmann mit einem „moderaten“ Preisanstieg, auf den sich alle einstellen müssten. Langfristig sei erneuerbare Energie aber günstiger zu haben. Und letztlich habe es jeder selbst in der Hand, wie viel Energie er benötige. Im Klartext: Wer weniger verbrauche, der müsse auch weniger bezahlen. „Was für das Klima gut ist, ist auch gut für den Geldbeutel“, fügte Kretschmann hinzu.