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Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen, spricht am 22.09.2016 bei einer Nominierungsveranstaltung der Grünen in Stuttgart zu Parteimitgliedern.
Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen, spricht am 22.09.2016 bei einer Nominierungsveranstaltung der Grünen in Stuttgart zu Parteimitgliedern. © dpa
23.09.2016

Die Träume des Cem Özdemir

Stuttgart. Cem Özdemir ist noch etwas angeschlagen. Zwei Tage zuvor hat ihm ein Arzt ein Implantat in den Mund gesetzt. «Mir fehlt da noch ein Backenzahn», entschuldigt sich der Parteichef am Donnerstagabend bei den Grünen des Kreisverbandes Stuttgart für möglicherweise komische Mundbewegungen. 15 Minuten hat er Zeit für seine Bewerbungsrede. Ein paar Mitglieder stellen Fragen, die Özdemir knapp beantwortet. Dann ist er auch schon gewählt zum Kandidaten, der CDU-Platzhirsch Stefan Kaufmann im Wahlkreis Stuttgart I bei der Bundestagswahl 2017 das Direktmandat abluchsen soll.

Ein grünes Mandat in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, die bereits mit Fritz Kuhn einen grünen Oberbürgermeister hat und in der mit Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident residiert: Das ist für Özdemir ein Traum, den er schon 2009 und 2013 hatte. Aber damals klappte es nicht, obwohl der Wahlkreis neben gutbürgerlichen Gegenden auch liberale Stadtbezirke umfasst mit intellektuellen Städtern, Studenten und Mitarbeitern der Universitäten.

In Baden-Württemberg will der in Bad Urach (Landkreis Reutlingen) aufgewachsene Özdemir die Grünen - wie schon 2013 - im Spitzenduo mit Finanzexpertin Kerstin Andreae in den Bundestagswahlkampf führen. Das dürfte für ihn im Land eine sichere Sache sein - anders als in der Bundespartei, wo die Mitglieder per Urwahl über die Spitzenkandidaten entscheiden. Özdemir konkurriert im Bund mit Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter, der vom linken Flügel protegiert wird, und dem schleswig-holsteinischen Umweltminister Robert Habeck.

Der ganz große Traum lautet: 2017 im Bund mitregieren, nachdem die Grünen es mit ihrem Steuerwahlkampf 2013 vermasselt haben. Grüne Spitzenpolitiker sind gerade vorsichtig mit Äußerungen dazu, ob sie eher Schwarz-Grün oder Rot-Rot-Grün sehen. Denn diese Glaubensfrage provoziert leicht alte Flügelkämpfe. Özdemir sagt am Rande der Nominierungsveranstaltung in Stuttgart nur, dass er als Politiker aus dem Ländle viel vom baden-württembergischen Spirit nach Berlin tragen will. «Davon verstehen wir ja ein bisschen was, vom Wahlen-Gewinnen, vom Stimmen-Maximieren und davon, breite Segmente der Gesellschaft anzusprechen», sagt er mit Blick auf Kretschmanns Erfolge.

Linke Grünen-Politiker befürchten, dass ein Spitzenkandidat Özdemir im Doppelpack mit einer Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt so scharf aufs Regieren ist, dass sich beide in möglichen schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl 2017 von der Union über den Tisch ziehen lassen könnten. Zudem halten manche Özdemir vor, zuweilen die eigenen Partei zu provozieren, anstatt als Parteichef integrativ zu wirken. So sprach sich Özdemir vor rund zwei Jahren für Waffenlieferungen in den Irak aus - zur Bekämpfung der Terrormiliz Islamischer Staat. Der Parteitag votierte später dagegen.

In der Flüchtlingskrise ist der türkischstämmige Politiker ein gefragter Gesprächspartner. Der «anatolische Schwabe» gilt als freundlicher Mensch und guter Redner, der wie kaum ein anderer grüner Spitzenpolitiker allein schon durch seine eigene Biografie für Weltoffenheit und Toleranz steht. Doch verlieren, das kann er nicht so gut, heißt es. 2008 soll Özdemir mit Tränen in den Augen den Saal verlassen haben, als der Parteitag ihm keinen guten Platz auf der baden-württembergischen Landesliste zur Bundestagswahl 2009 gewährte. Die Frage ist, ob Özdemir Bundesparteichef bleiben kann und will, falls ihn die Mitglieder nicht zum Spitzenkandidaten im Bund wählen.

Und was ist mit der Landespolitik? Die Junge Union plakatierte im Landtagswahlkampf ganz frech: «Kretschmann wählen bedeutet Özdemir bekommen.» Doch Parteikollegen sehen Özdemir auch künftig nicht in Stuttgart. Sein Verhältnis zu Kretschmann sei in Ordnung, aber nicht außergewöhnlich eng. Özdemir sei durch und durch Bundespolitiker. Er selbst beteuert am Donnerstag abermals, nicht mit der Landespolitik zu liebäugeln. «Das war kein Thema und das ist kein Thema.»