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Chance für den Handel: Die Smart City-App in Reutlingen zeigt die Stellenanzeige des Cafes im Bild-Hintergrund an. Die App kann aber noch vieles mehr. Foto: dpa
Chance für den Handel: Die Smart City-App in Reutlingen zeigt die Stellenanzeige des Cafes im Bild-Hintergrund an. Die App kann aber noch vieles mehr. Foto: dpa
01.08.2017

Die vernetzte Stadt - Reutlingen beschreitet Neuland

Reutlingen. Der Handel in der City stirbt durch das Internet aus? Muss nicht sein. In Reutlingen wird in einem Forschungsprojekt das Gegenteil versucht.

Reutlingen experimentiert mit Smart Urban Services – klingt kompliziert, aber nur, bis man das Handy zückt und ausprobiert, wie’s geht. Man öffnet die App „smaRT City“ und kann dann Sehenswürdigkeiten, Läden und Gastronomie in der Innenstadt suchen. Wegen des heißen Wetters schickt ein Café das Angebot eines Erdbeerbechers aufs Display der Nutzer. Wer das Handy quer kippt, wird vom Programm zu seinem Ziel geführt, beispielsweise ins Café oder ins Museum. Und nach dem Bummel leitet das Handy einen zurück zum Auto.

Die App für Verbraucher ist Teil eines bundesweiten Forschungsprojektes, bei dem die Städte Reutlingen und Chemnitz die modernste Technik ausprobieren dürfen. Mit drei Millionen Euro fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Projekt. „Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts“, sagt der Reutlinger Wirtschaftsförderer und Ideengeber Markus Flammer. Er hat das Projekt mit angestoßen, das nun vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und vom Institut für Arbeitswissenschaften und Technologiemanagement der Universität Stuttgart geführt wird.

Das Ziel: Mit Hilfe gesammelter Daten soll der Handel als Publikumsmagnet in der Innenstadt gestärkt, das Stadtbild verbessert und die Verkehrsbelastung gesenkt werden. Der Projektleiter von der Universität Stuttgart, Martin Feldwieser, hält es für realistisch, diese Ziele zu erreichen.

Im Projekt zur Smart City läuft viel mehr, als der Verbraucher sieht. Zur Verbesserung des Stadtbildes wurden an den Mülleimern in der Stadt Sensoren eingebaut, erklärt Feldwieser. Sie zeigen den Stadtreinigern künftig schon am Rechner im Büro an, wo sie dringend hinfahren und die Eimer leeren sollten. Durch die Verkehrs- und Parkplatzsensoren sollen die in Reutlingen häufig überschrittenen Grenzwerte für Luftschadstoffe künftig eher eingehalten werden. „Parksuchverkehr macht 30 bis 40 Prozent des Verkehrs in der Stadt aus“, sagt Wirtschaftsförderer Flammer. Wer die App nutzt, sieht dort in Zukunft freie Parkplätze am Straßenrand und kann sie gezielt ansteuern. Eine weitere Idee: Die Ampelsteuerung könnte auf den in Echtzeit gemessenen Verkehr in der Stadt angepasst werden. Über 40 Sensorknoten mit unterschiedlichen Messgeräten wurden eingerichtet. Die Daten könnten der Stadtverwaltung beispielsweise eine Antwort auf die Frage liefern, wo sich die Menschen am liebsten aufhalten und wo folglich Sitzbänke oder Spielgeräte aufgebaut werden sollten, damit sie sich noch wohler fühlen.

Die App, die viele Informationen aus der Smart City bündelt, läuft bereits. Im ersten Monat wurde sie gut 2000 Mal heruntergeladen. Der Deutsche Städtetag sieht die Chance der Smart City allgemein darin, dass die dadurch gesammelten Daten als Grundlage für Entscheidungen der Kommunen dienen können.

Der Reutlinger Händler sind eng in das Projekt einbezogen. Sie können durch sogenannte Beacons – Bluetooth-Signalgeber im Laden – Angebote auf Handys in der Nähe schicken. Und wer vor einem Regal steht, kann durch die Beacons zum Beispiel ein Erklärvideo zu einem Produkt auf dem Handy angeboten bekommen. Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg, appelliert an Kommunen und Handel, gemeinsam Geld in die Hand zu nehmen, um Besucher anzulocken: „Den Städten muss klar sein, die Digitalisierung wird sie verändern.“