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Der Verband der Direktoren hat das Kultusministerium aufgefordert, mehr gegen die erhöhte Sitzenbleiberquote an Gymnasien zu tun.
Der Verband der Direktoren hat das Kultusministerium aufgefordert, mehr gegen die erhöhte Sitzenbleiberquote an Gymnasien zu tun. © dpa
03.09.2014

Direktoren fordern Schritte gegen hohe Sitzenbleiberquote

Seit die Familien nicht mehr der Empfehlung der Grundschullehrer für die weiterführende Schule folgen müssen, hat sich die Zahl der Sitzenbleiber an den Südwest-Schulen erhöht. Die Schulleiter sehen dringenden Handlungsbedarf.

Der Verband der Direktoren hat das Kultusministerium aufgefordert, mehr gegen die erhöhte Sitzenbleiberquote an Gymnasien zu unternehmen. So sollten weiterführende Schulen darüber informiert werden, welche Grundschulempfehlung ihre Fünftklässler erhalten haben, sagte Brigitte Röder, Vorsitzende der Direktorenvereinigung Südwürttemberg, der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. «Dann könnten wir schon im Vorfeld planen, welchen Umfang unsere Fördermaßnahmen haben müssen.»

Nach einer Sondererhebung der Regierungspräsidien lag die Sitzenbleiberquote 2013/14 an den Gymnasien bei 1,6 Prozent für die fünfte Klasse und 2,6 Prozent für die sechste Klasse. Im Vorjahr betrug die Quote an Gymnasien in der fünften Klasse 1,3 Prozent. Bei den Realschulen lag die Quote in den fünften Klassen 2013/14 bei 4,4 Prozent nach 3,9 Prozent im Vorjahr.

Das Kultusministerium verweigere die Information unter Berufung auf den Datenschutz, berichtete Röder und monierte: «Das ist nur vorgeschoben, denn in anderen Bundesländern geht das.» Sie vermutet Misstrauen gegenüber den Lehrern als Motiv der Kultusverwaltung. Es sei eine Unterstellung, anzunehmen, dass die Pädagogen als leistungsschwach bekannte Kinder «rausprüfen» würden.

Grün-Rot hatte als eine der ersten Schritte nach dem Machtwechsel in Baden-Württemberg die Verbindlichkeit der Empfehlung der Grundschullehrer für die weiterführende Schule abgeschafft. Seit 2012/13 haben die Eltern das letzte Wort, ob ihr Nachwuchs auf eine Haupt-, Realschule, ein Gymnasium oder eine Gemeinschaftsschule wechselt.

Die Rektorin des Ulmer Kepler-Gymnasiums kritisierte überdies die Einschnitte bei der Hausaufgabenbetreuung an Gymnasien. Dies habe zur Folge, dass nur noch Oberstufenschüler jüngeren Mitschülern bei den Schularbeiten unterstützten. «Es wäre aber schon sinnvoll, wenn auch Lehrer mitmachten.» Es sei inkonsequent, wenn Grün-Rot populistisch den Elternwillen in den Mittelpunkt stelle, andererseits aber nicht die Mittel für die Förderung leistungsschwächerer Schüler bereitstelle.

Das gelte auch für die Klassengrößen. Die Gymnasien seien hier im Hintertreffen gegenüber den Gemeinschaftsschulen, weil sie eine «Schülerlenkung» vornehmen müssten; das heißt, im Notfall müssen bereits angemeldete Schüler an andere Schulen verwiesen werden, damit kein neuer Zug eingerichtet werden muss. An Gemeinschaftsschulen gebe es diese Regelung nicht. Dort sei auch der Klassenteiler geringer als an allen anderen weiterführenden Schulen. «In großen Klassen ist die Chance des Einzelnen geringer, dranzukommen und individuell gefördert zu werden.» Auch in den Gymnasien und Realschulen müsse der Klassenteiler wie bei Gemeinschaftsschulen auf 28 verringert werden, denn auch an diesen Schularten sei die Spanne der Schülerbegabungen - wie an der Gemeinschafsschule - sehr groß.

Für die Kinder in den fünften Klassen sei das Sitzenbleiben ein gewaltiger Einschnitt, berichtete Röder: Nachdem sie sich gerade in eine Klassengemeinschaft eingefunden hätten, müssten sie sich schon wieder an neue Mitschüler gewöhnen. Das schmälere in vielen Fällen das Selbstbewusstsein der Jungen und Mädchen mit der Folge, dass sie sich zurückziehen oder verhaltensauffällig werden. Um das Risiko dieses gefühlten Misserfolgs zu minimieren, rät Röder Eltern im Zweifelsfall einen Begabungstest bei einer schulpsychologischen Beratungsstelle. In der Mittelstufe könne das Sitzenbleiben durchaus heilsam sein und zu einem Neustart verhelfen. 

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