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Eine ehemalige Zwangsprostituierte hält Karten der städtischen Kampagne gegen Zwangsprostitution in der Hand.
Eine ehemalige Zwangsprostituierte hält Karten der städtischen Kampagne gegen Zwangsprostitution in der Hand. © dpa
07.06.2017

Drastische Worte: Kampagne gegen Zwangsprostitution hat Wandel bewirkt

Stuttgart (dpa/lsw) - Die Stuttgarter Kampagne gegen Zwangs- und Armutsprostitution vor einem Jahr hat nach Ansicht der Stadt einen Wandel bewirkt.

«Die Aktion hat in der Stadt eine Wertediskussion zum Frauenbild in der Gesellschaft und zur Sexualität angestoßen. Es wurde intensiv über das Thema Prostitution geredet», sagte ein Sprecher. Insofern sei die Kampagne aus Sicht der Stadt erfolgreich gewesen. Eine Neuauflage sei nicht geplant.

Plakate mit Sprüchen wie «Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar» hingen im gesamten Stadtgebiet und brachten Diskussionen über die drastische Wortwahl mit sich.

«Manche Bordellbetreiber sind seitdem sauer und lassen die Sozialarbeiter nicht mehr in die Häuser», erklärte eine Sozialarbeiterin, die im Stuttgarter Rotlichtmilieu tätig ist und lieber anonym bleiben will. Geändert habe sich an der Situation kaum etwas, denn viele Zwangsprostituierte kämen aus den Bordellen nicht heraus. Etwa 90 Prozent der Frauen werden ihr zufolge zu der Arbeit gezwungen.

«Die Diskussion über die Wortwahl war scheinheilig», sagte die Sozialarbeiterin. Die Menschen brüskierten sich über die Sprüche, dabei gehe es im Stuttgarter Leonhardsviertel schlimmer zu. In der Bevölkerung gab es ihr zufolge aber einen Effekt: «Manche sagen, dass sie jetzt anders über die Mädchen denken.»

Im Juli tritt das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Die Regelungen beinhalten eine Anmeldepflicht für Prostituierte, verpflichtende Beratungsgespräche und eine Kondompflicht für Freier. «Die Rechte der Prostituierten werden ein bisschen durch das Gesetz gestärkt», erklärte die Sozialarbeiterin.

Der Stadt Stuttgart fehlen dem Sprecher zufolge aktuell aber die notwendigen Richtlinien des Sozialministeriums, um das Gesetz realisieren zu können. Sobald diese Richtlinien vorlägen, könne jedoch alles zeitnah umgesetzt werden. «Stuttgarter Zeitung» und «Stuttgarter Nachrichten» hatten darüber berichtet.

Rund 470 Prostituierte arbeiteten 2016 nach Polizeiangaben täglich in Stuttgart. 87 Prozent der Frauen sind demnach aus dem Ausland. Das Sozialministerium Baden-Württemberg geht von circa 26 000 Prostituierten landesweit aus.