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Die Bilder waren eindrucksvoll: Wie zwei Leichen sahen die drapierten Leintücher aus. Mit roten Flecken - wie Blut. Flüchtlinge aus dem Main-Tauber-Kreis haben so vor einem Jahr gegen die Situation in den Unterkünften protestiert. Was hat sich seither getan?
Die Bilder waren eindrucksvoll: Wie zwei Leichen sahen die drapierten Leintücher aus. Mit roten Flecken - wie Blut. Flüchtlinge aus dem Main-Tauber-Kreis haben so vor einem Jahr gegen die Situation in den Unterkünften protestiert. Was hat sich seither getan? © dpa
16.07.2014

Ein Jahr danach: Was vom Flüchtlingsprotest geblieben ist

Bad Mergentheim (dpa/lsw) - «Wie ist Ihr Name?», fragt Ildikó Buglyó. Die VHS-Mitarbeiterin versucht zweimal in der Woche, Flüchtlingen in Bad Mergentheim Deutsch beizubringen. Es geht um Grundlegendes. Viel läuft aber auch mit Gestik. Als einer der gut 20 Teilnehmer am Mittwoch mit seinen Unterlagen in der Hand durch die Tür schlurft, tippt Buglyó auf ihr Handgelenk und sagt: «Los geht es um 9.00 Uhr.»

Ein paar Räume weiter waschen Frauen Wäsche. Sofija Kamic bringt den Korb schnell auf den Balkon, eine schwangere Bewohnerin braucht ihre Hilfe als Dolmetscherin beim Frauenarzt. Kamic ist mit ihren beiden Kindern aus Bosnien gekommen. Sie war zuvor in Unterkünften in Nordrhein-Westfalen und Karlsruhe. «Hier fühle ich mich zu Hause», sagt Kamic. Im Zimmer steht ein Stockbett, an der Wand hängen Fotos.

Elisabeth Krug dürften diese Szenen freuen. Als Sozialdezernentin im Main-Tauber-Kreis ist sie zuständig für Flüchtlinge. Im vergangenen Jahr wurde sie unfreiwillig über die Kreisgrenzen hinaus bekannt.

Unzufrieden über die Verhältnisse in den Gemeinschaftsunterkünften in Bad Mergentheim und Külsheim hatten gut zwei Dutzend Flüchtlinge am 17. Juli vor dem Integrationsministerium in der Landeshauptstadt ein Protestcamp aufgeschlagen. Die Teilnehmer wechselten, acht leben noch immer in der Unterkunft in Bad Mergentheim. Einige Unterstützer solidarisierten sich mit den Asylbewerbern, dolmetschten, verteilten Flyer und organisierten eine Demo. Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) traf Landrat Reinhard Frank (CDU) vor Ort in Bad Mergentheim.

Zeitweise wirkte der Protest martialisch: Ausgestopfte und mit roter Farbe befleckte Leintücher sollten Leichen darstellen. Sie lagen direkt an der Königstraße, der Haupteinkaufsstraße Stuttgarts, daneben ein Grabstein mit der Aufschrift: «Gestorben für deutsche Wirtschaftsinteressen.» Ein paar Tage traten die Flüchtlinge in einen Hungerstreik.

Doch im Vergleich zu zurückliegenden Aktionen etwa in Berlin oder Würzburg, wo Flüchtlinge den Fernsehturm am Alexanderplatz besetzt oder sich die Münder zugenäht hatten, war der wochenlange Stuttgarter Protest harmlos. Ähnlich unaufgeregt lief jüngst eine Demonstration von Asylbewerbern aus Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) am Landtag ab.

Öney betont, Flüchtlinge hätten das Recht, öffentlich ihre Meinung zu sagen und auf ihre Situation hinzuweisen. «Auch im Nachhinein finde ich es sehr positiv, dass dies in Stuttgart auf friedliche Weise geschah.» Dass der Gesprächsfaden mit den Flüchtlingen nie abriss, sei wichtig gewesen. «Das hat eine Eskalation verhindert.»

Krug sagt: «Die Art und Weise der Vorwürfe hat uns schon getroffen.» Zumal das Miteinander von Flüchtlingen und Behörde bis dahin gut geklappt habe. Den Protest verhindern können, hätte sie aber aus ihrer Sicht auch nicht. Einige Forderungen wie Arbeitsmöglichkeiten, schnellere Asylverfahren und Bleiberecht für alle fallen zudem nicht in die Zuständigkeit des Kreises oder waren schlicht utopisch.

Nun gibt es mehr Sprachkurse. Der Kreis stellte zudem von Sachmitteln auf Bargeld um, ein Erwachsener erhält im Monat 330 Euro. Für die Sozialbetreuung wurde das Personal aufgestockt. Für neue Unterkünfte soll die Regelung des reformierten Gesetztes zur Flüchtlingsaufnahme gelten, die jeder Person sieben Quadratmeter Wohnraum zusichert.

225 Asylbewerber wohnen derzeit in Bad Mergentheim und Külsheim. «Wir sind restlos erschöpft», sagt Krug. Erwartet würden in diesem Jahr mehr als 300 neue Asylbewerber. Ein Problem, das alle Kreise haben.

Krug sucht händeringend neue Möglichkeiten zur Unterbringung. Damit Lebensmittelgeschäfte, Ärzte und Schulen zu Fuß erreichbar sind und der öffentliche Nahverkehr gut getaktet, kämen vor allem größere Städte wie Tauberbischofsheim infrage. Was die Protestaktion vor einem Jahr gebracht habe: «Es ist eine größere Sensibilität da.»

Die Suche nach neuen Unterkunftsmöglichkeiten im Main-Tauber-Kreis ist auch laut Pfarrerin Gabriele Arnold von der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Mergentheim schwierig. «Die Infrastruktur und der öffentliche Nahverkehr sind oft schlecht.» Zumal die Verhältnisse in der sehr ländlich geprägten Gegend für viele «ein Schock» seien.

In der Kirchengemeinde kümmert sich ein Arbeitskreis Asyl vor allem um Iraner, knapp zwei Dutzend seien in den vergangenen zwei Jahren getauft worden. Auch Arnold betont die Bedeutung der Sprachkurse: «Sprache ist das A und O. Wir erleben bei allen Versuchen, die Leute zu integrieren, dass das ohne Sprache kaum geht.»