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Vor fast genau einem Jahr eskalierte der Polizeieinsatz bei den Demonstrationen gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. Die Verletzten kämpfen immer noch um eine gerichtliche Klärung. © dpa
27.09.2011

Ein Jahr nach S21-Eskalation: Verletzte kämpfen weiter

Stuttgart. Wer an den Protest gegen Stuttgart 21 denkt, hat sofort ein Foto vor Augen: In der Mitte krümmt sich ein älterer Mann, sein Gesicht ist blutverschmiert, links und rechts wird er von zwei jungen Männern gestützt. Der Mann heißt Dietrich Wagner. Die Verletzungen stammen von den Wasserwerfern, die bei dem umstrittenen Polizeieinsatz am 30. September 2010 eingesetzt wurden. Obwohl Wagner voraussichtlich nie wieder mehr als die acht Prozent Sehkraft auf dem rechten Auge besitzen wird, die ihm im Moment noch bleiben, kämpft er weiter gegen das Milliardenprojekt.

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«Das hat bei ihm eine "Jetzt erst recht"-Wirkung entfaltet», erzählt Wagners Anwalt Frank-Ulrich Mann und räumt ein: «Es hat sich eine Veränderung in seinem Weltbild und seinem Staatsverständnis ergeben: Er sieht das jetzt kritischer als vorher, aber das ist verständlich.»

Mann vertritt vier Schwerverletzte, die wegen des Einsatzes Strafanzeige gegen Polizeibeamte und «die Verantwortlichen» gestellt haben. Die Suche nach diesen gestaltet sich nach Meinung der Kläger jedoch schleppender als sie gehofft hatten. «Ich prangere an, dass der Staat nicht bereit ist, die Verantwortlichen zu benennen, sondern alle den Schwarzen Peter weiterschieben», sagt Mann.

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Das sieht auch Daniel Kartmann so. Er erlitt bei dem Wasserwerfereinsatz ebenfalls Verletzungen an den Augen, die er erst nach und nach kurieren konnte. Genau wie Wagner engagiert er sich weiter im Protest. «Ich bin mittlerweile wieder öfter auf Demos anzutreffen. Was mir wirklich Mut macht, ist dass die Bewegung auf der Straße nach wie vor sehr stark ist.» Zuletzt waren die Teilnehmerzahlen der Demonstrationen gegen das Milliarden-Projekt allerdings rückläufig.

Auch Kartmann beschwert sich über die schleppende Aufarbeitung. «Von Staats wegen ist keine Bewegung zu verzeichnen», sagt er. «Als am 20. Juni ein Polizist zu Schaden gekommen ist, wurden gleich Nägel mit Köpfen gemacht», meint Kartmann mit Blick auf eine Demonstration, bei der ein Beamter schwer verletzt wurde.

Anders sieht das die Stuttgarter Staatsanwaltschaft. «Auch der 20. Juni ist nicht abgeschlossen, sondern Beschuldigte wurden lediglich schnell in U-Haft genommen», erklärt eine Sprecherin. «Es gibt keine Ungleichbehandlung und schnellere Ermittlungen. Beide Ereignisse werden noch ermittelt und sind noch nicht abgeschlossen.»

Neben den vielen Zeugenaussagen müssten vom 30. September beispielsweise rund 100 Stunden Video und etwa 5600 Funksprüche ausgewertet werden. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagt: «Man kann das auch anders sehen: Wir geben uns sehr viel Mühe und wollen das mit der nötigen Zeit und detailliert machen.» dpa