nach oben
11.03.2010

Ein Jahr nach Winnenden: Der Umgang mit dem Amoklauf

Der Amoklauf von Winnenden vor einem Jahr hat tiefe Spuren hinterlassen – bei Überlebenden, Hinterbliebenen, Einsatzkräften und auch den Berichterstattern. Martin Schmitzer, Leiter der Lokalredaktion Winnenden, war am 11. März 2009 als erster Journalist überhaupt am Tatort. Inzwischen könne er mit der Last von damals umgehen, sagt er im Gespräch mit PZ-Redakteurin Yvonne Dast-Kunadt. Und trotzdem möchte er den Namen des Täters nie wieder in den Mund nehmen.

Pforzheimer Zeitung: Herr Schmitzer, knapp ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden sind die Bilder noch immer sehr präsent. Ist diese Stadt, sind ihre Bürger, sind Sie als lokaler Journalist traumatisiert?
Martin Schmitzer: Ich denke, dass viele meiner Mitbürger, die ganz nah dran waren, es noch immer schwer haben. Sie kämpfen mit den Bildern, die sie im Kopf haben. Der Begriff „traumatisiert“ ist schwierig. Über mich persönlich kann ich sagen, dass mich in den ersten Monaten nach der Tat viele Eindrücke sehr belastet haben, dass ich aber jetzt ganz gut mit der Last umgehen kann.

PZ: Was hat sich seit damals verändert?
Schmitzer: Es hat sich vieles verändert (macht eine lange Pause)… Die Stadt war in den Tagen nach dem Amoklauf wie gelähmt. Und diese Lähmung löst sich langsam wieder. Es gibt Situationen – auch in meiner Familie –, in denen wir immer noch weinen. Aber es gibt – zum Glück – viele Situationen, in denen wir wieder miteinander lachen können.

PZ: Wie haben Sie sich als Redakteur verändert? Machen Sie heute anders Zeitung als vor der Tat – Stichwort: Voyeurismus befriedigen?Schmitzer: Also, Voyeurismus zu befriedigen war nie mein Ziel. Da musste ich mir nichts abgewöhnen. Aber durch den Amoklauf, durch Gespräche mit Eltern von getöteten Kindern, ist mir noch mehr bewusst geworden, wie sehr Bilder und Berichte Betroffene verletzen können. Wirklich verändert hat sich meine Arbeitsweise nicht. Den Pressekodex habe ich immer beachtet. Die journalistische Neugier habe ich wohl, sie endet aber immer da, wo die Persönlichkeitsrechte von betroffenen Privatpersonen beginnen. Und: Im Zusammenhang mit dem Amoklauf beachte ich noch einige Regeln mehr.

PZ: Welche Regeln sind das?
Schmitzer: Ich nehme viel mehr Rücksicht auf alle Betroffenen in der Stadt. Ich kämpfe überhaupt nicht mehr darum, irgendwelche Nachrichten, Bilder, Fakten im Blatt zu haben, die vielleicht der „Stern“ oder die „Bild“-Zeitung im Blatt haben, oder die im Fernsehen kommen. Ich vergleiche mich mit denen überhaupt nicht. Ich mache die Nachrichten für Winnenden nach dem Prinzip: Wie viel verkraften meine Leser? Und: Wie viele Bilder, wie viel emotional beladene Information verkrafte ich als Journalist?

PZ: Wie war das menschliche Miteinander nach dem Amoklauf in der Redaktion? Haben Sie versucht, sich gegenseitig Halt zu geben, viel miteinander gesprochen?
Schmitzer: (zögert) Vom 11. März erzähle ich ungern, aber so viel sage ich doch: Es war an diesem Tag so, dass meine Kollegen aus der Kreisredaktion Waiblingen sehr viel geholfen haben. Ohne die hätte ich überhaupt nicht richtig arbeiten können. Diese Redaktion hat dafür gesorgt, dass wir insgesamt eine sehr umfassende Berichterstattung hatten. Aber: Diese Kollegen sitzen in einer anderen Redaktion. Wir hier in Winnenden sind vier Redakteure und waren an dem 11. März zusammen. Wir haben beschlossen, dass nur einer von uns – nämlich ich – direkt ins Geschehen geht. Ich war dann auch als erster Journalist überhaupt am Tatort. Bin nach einigen Stunden wieder zurückgekommen in die Redaktion, war ziemlich kaputt, musste aber sehr viel schreiben. Meine Kollegen waren in dieser Situation ganz toll. Sie waren einerseits dankbar, dass sie selbst nicht ins Geschehen mussten und haben mich dafür im Gegenzug versorgt – sie haben mich richtiggehend aufgepäppelt.

PZ: Das heißt, der menschliche Faktor war sehr, sehr hoch…
Schmitzer: Ja. Der war sehr hoch. Sie haben mir alle andere Arbeit abgenommen und mir jeden Freiraum verschafft, den ich brauchte. Und in dieser Solidarität haben wir dann die ganzen Wochen nach dem Amoklauf weitergearbeitet. Es herrscht bis heute ein ganz toller Gemeinsinn in dieser Redaktion. Das Geschehene hat uns zusammengeschweißt.

PZ: Das Bild des Täters wollen Sie nicht mehr abdrucken. Warum?
Schmitzer: Wir haben das Bild des Täters am ersten und zweiten Tag abgedruckt. Wir hatten Archivfotos von ihm aus dem Sport. Und wir waren schockiert, dass dieser Mensch mit dem lieben, kindlichen Gesicht der Täter sein soll. Wir fanden dann: Das ist eine Information, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten sollten. Und wir haben die Bilder abgedruckt. Am dritten Tag kam bei uns Nachdenklichkeit auf. Es gingen die ersten Hinweise von Psychologen ein, dass Täter solcher Schulmassaker auch dadurch zu ihrer Tat motiviert werden, dass sie hinterher ganz groß in den Medien kommen. Ab da haben wir beschlossen, nie wieder ein Foto des Täters abzudrucken. Mittlerweile wollen wir nicht einmal mehr seinen Namen nennen. Das ist uns einfach zuwider. Wir schreiben jetzt nur noch ‚der Täter‘.

PZ: Das tun Sie auch in diesem Gespräch sehr konsequent…
Schmitzer: Ja. Ich kann ihn einfach nicht mehr aussprechen. Die Medien brachen damals mit ihren Berichterstattungen viele Tabus. Ein Beispiel: Journalisten boten Kindern nach der Tat bis zu 100 Euro an für eine gute Szene.

PZ: Schämen Sie sich für solche Kollegen?
Schmitzer: Ich muss es immer wieder betonen: Ich selbst habe so etwas nie beobachtet. Und wenn so etwas vorgekommen ist, dann müssen das wirklich extreme Einzelfälle gewesen sein. Allerdings kam ein Vater mit seiner Tochter in die Redaktion und berichtete ein solches Vorgehen. Es ist beschämend, was sich sogenannte Journalisten alles erlaubt haben. Aber unsere Leser in Winnenden unterscheiden schon zwischen diesen Leuten und uns. Und deshalb brauche ich mich für solche Kollegen auch nicht zu schämen.

PZ: Was können die Medien hinsichtlich der Berichterstattung zum Jahrestag des Amoklaufs denn nun besser machen?
Schmitzer: Es gibt eine Winnender Erklärung von Psychologen, die mit den traumatisierten Überlebenden und Hinterbliebenen arbeiten. Sie haben Regeln aufgestellt – wir haben diese Regeln akzeptiert. Ganz wichtig ist, dass die schlimmen Ereignisse vom 11. März 2009 nicht mehr abgefragt werden. Denn in Winnenden gibt es bestimmt 1000 Menschen und mehr, die Schlimmes erlebt und diese Dinge in ihrem Kopf eingekapselt haben. Diese Menschen hoffen einfach, dass das nicht mehr aufbricht. Jeder, der darin rumstochert und fragt, der wirft diesen Erholungsprozess zurück. Und je jünger die Traumatisierten sind, desto schlimmer ist das für sie.

PZ: Wie werden Sie als Lokalredaktion den Tag begleiten?
Schmitzer: Wir sind als Lokalredaktion an diesem Tag den gleichen Regeln unterworfen wie die gesamte Presse. Auch wir dürfen nicht zu den Zeremonien, die die Schüler und Eltern der Albertville-Schule selber gestalten. Ich weiß aber, dass sie einige Rituale begehen und Steine – einen Weg in die Zukunft – verlegen werden. Wir werden das ganze Geschehen in der Stadt und bei der Albertville-Schule sehr zurückhaltend beobachten und beschreiben.