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Hinter Gittern: Alltag für den Beruf des Gefängnisseelsorger.
Eine Gemeinde hinter Gittern und das Weihnachten im Knast © dpa
15.12.2012

Eine Gemeinde hinter Gittern und das Weihnachten im Knast

Karlsruhe. Hohe Mauern und Stacheldraht außen; karge Flure und Eisentüren mit massivem Schlössern und Riegeln innen. Das ist die Gemeinde der Pfarrer Peter Holzer und Jörg Waterstraat. Die beiden Gefängnisseelsorger sind für rund 400 inhaftierte Männer in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal zuständig. «Und wir kümmern uns auch um die rund 300 Angestellten der JVA», sagt Holzer. «Wir sind keine Gefangenenseelsorger, sondern Gefängnisseelsorger.

Die Welt im Gefängnis ist aus Sicht der beiden Pfarrer einerseits ganz anders als die Welt draußen. Und andererseits auch wieder nicht. «Hier ist es wie unter einem Brennglas. Die Lebensgeschichten, die Lebensproblematik, das ist oft ein Stück extremer, als in einer "normalen" Gemeinde», sagt der evangelische Pfarrer Waterstraat. Er kam vor zwei Jahren aus einer Gemeinde in die JVA. «Die Gesellschaft, so wie sie "draußen" ist, spiegelt sich hier drinnen wider», sagt sein Kollege, der auch Dekan für katholische Seelsorge im Justizvollzug ist. Er arbeitet seit fünf Jahren in der JVA Bruchsal.

Die beiden kümmern sich um die, die das wollen. Jeweils etwa ein Viertel aller Gefangenen ist konfessionslos, evangelisch, katholisch oder muslimischen Glaubens, schätzt Rüdiger Wulf, der im Justizministerium unter anderem für Gefängnisseelsorge zuständig ist. Die beiden Pfarrer bezeichnen sich als neutral. «Freiwilligkeit ist die Basis unserer Arbeit», sagen sie unisono.

Um Bekehrung geht es nicht, nicht um Glaubensbekenntnisse. Es geht um Trost, Zuwendung, Zuspruch, Zuhören. Was immer den Pfarrern anvertraut wird, es unterliegt dem Beichtgeheimnis. «Es gibt so einige, die "draußen" nie daran denken würden, einen Pfarrer aufzusuchen», sagt Holzer. Ein Zettelchen mit Gesprächswunsch drauf genügt, dann kommt einer der beiden Seelsorger in die Zelle. Oder man sieht sich beim Essen.

Für die Muslime werden auf Wunsch Gebetsteppiche oder -ketten besorgt. Im Vollzug gebe es immer mehr muslimische Gefangene, sagt Wulf. Irgendwann wolle man dort auch Imame anstellen. «Aber bis sie in den neuen Studiengängen ausgebildet sind, dauert es noch eine Weile.» Derzeit kümmern sich im Südwesten 53 Seelsorger um die Häftlinge der 20 Vollzugsanstalten; Untersuchungsgefangene inklusive. Die Fluktuation ist enorm: etwa 18 000 Gefangene laufen pro Jahr durch die knapp 7900 Plätze. Derzeit sitzen etwa 7000 Häftlinge ein.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Seelsorger und Ratsuchender aufeinandertreffen, ist im Gefängnis kurioserweise fast größer als in der Freiheit. «Wann sieht man "draußen" schon mal echte Pfarrer, es sei denn in irgendwelchen Fernsehsendungen», sagt Holzer ein wenig ironisch. Im Gefängnis kann man also mal mehr «Pfarrer sein», als in einer "echten" Gemeinde, aber auch mal weniger: Taufen und Hochzeiten wären theoretisch zwar möglich, kommen aber höchst selten vor. Weder Holzer noch Waterstraat haben bislang im Knast getraut oder getauft.

Die Häftlinge versuchen aber mitunter auch, die Theologen zu benutzen: «Kannst du mir dies besorgen, mir das beschaffen», Schlitzohren gebe es da schon. Der Vorgänger von Waterstraat geriet in genau diese Falle zwischen Gutmensch und Handlanger. Wegen «fahrlässigen Drogenschmuggels» wurde er 2010 zu einer happigen Geldstrafe verurteilt: Er hatte für einen Häftling Pakete entgegengenommen, in denen Haschischkekse waren. «Wenn ich merke, dass ich für irgendwas missbraucht werden soll, werde ich sauer», sagt Holzer. «Ich bin doch keine Wunschmaschine.» Die Balance zwischen seelsorgerlicher Begleitung und professioneller Distanz kann schwierig sein, sagt auch Waterstraat.

Neuankömmlinge ein kleines Überlebenspaket mit Tabak und Kaffee. Und dann ist ja auch bald Weihnachten. Jeder bekommt eine Tüte; den Häftlingen wird sie höchstpersönlich in die Zelle gebracht. Inhalt: Schokolade, Kaffee, Lebkuchen, ein kleines Schreiben. Das kostet rund 3000 Euro und ist über Spenden finanziert. Zwei Teelichter gibt es obendrein. Ansonsten ist es schwierig mit der Weihnachtsstimmung im Knast. In jedem der fünf Flügel steht ein Weihnachtsbaum; ein elektrisch beleuchteter Adventskranz hängt in jedem der fünf kargen Flure.

Nur in der Kirche wird es ein wenig heimeliger. Der außen von Zinnen umgebene Raum ganz oben auf dem Gefängnisgebäude von 1846 verbreitet pastellfarbene Gemütlichkeit. Die wie im Kino ansteigenden Sitzreihen aus Holz wirken warm und freundlich. Im Wechsel finden dort jeden Sonntag evangelische und katholische Gottesdienste statt. Zwischen 20 und 40 Häftlinge kommen, oft «Stammpublikum».

Der Gesprächsbedarf steigt vor Weihnachten; auch das Verlustgefühl ist stärker. «Die Häftlinge nehmen mehr wahr, wie es sein könnte: Wenn man in der Familie, mit seinen Kindern, mit seiner Frau feiern würde», sagt Holzer. An Weihnachten ist es, wie draußen auch: Die 170 Menschen fassende Kirche ist voll. Das hat neben dem Wunsch nach festlicher Stimmung vielleicht auch noch einen anderen Grund: Wer am Gottesdienst am Nachmittag nicht teilnehmen mag, wird vorher in der Zelle eingeschlossen. Für die war's das dann mit Heiligabend.