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Die Angeklagte Cindy P. aus Aldingen soll ihr zweijähriges Kind 2012 über Pfingsten mit seinen älteren Brüdern zu lange in der Wohnung alleingelassen haben. Das Mädchen verhungerte und verdurstete. Die Anklage lautet auf Mord in Tateinheit mit Misshandlung von Schutzbefohlenen.
Die Angeklagte Cindy P. aus Aldingen soll ihr zweijähriges Kind 2012 über Pfingsten mit seinen älteren Brüdern zu lange in der Wohnung alleingelassen haben. Das Mädchen verhungerte und verdurstete. Die Anklage lautet auf Mord in Tateinheit mit Misshandlung von Schutzbefohlenen. © dpa
14.01.2013

Einjährige verhungert vor Augen ihrer Brüder - Mutter schweigt vor Gericht

Rottweil (dpa/lsw) - Der Hungertod der kleinen Maja schockte Pfingsten 2012 die kleine Gemeinde Aldingen. Die Einjährige starb, weil sie nicht genug zu Essen und zu Trinken bekam. Auf die Frage nach dem Warum gibt die Mutter vor Gericht keine Antwort.

Die kleine Maja war nicht einmal zwei Jahre alt, als sie verhungerte und verdurstete - ihre Mutter hat am Montag vor dem Landgericht Rottweil zu den Vorwürfen geschwiegen. Die heute 25-jährige Alleinerziehende aus Aldingen (Kreis Tuttlingen) soll laut Anklage das Mädchen Ende Mai 2012 mit ihren damals zwei und acht Jahre alten Brüdern lange alleingelassen haben. Als sie wieder nach Hause kam, war die Tochter tot. Die Kleine starb wenige Tage vor ihrem zweiten Geburtstag - ausgezehrt und ausgetrocknet. Der ältere Sohn Manuel hat laut Anklage eine psychische Störung entwickelt, weil er das Sterben seiner kleinen Schwester mit ansehen musste.

Die Angeklagte sei mit der Betreuung zunehmend überfordert gewesen, sagte der Leitende Staatsanwalt Joachim Dittrich. Als die Großeltern nicht mehr für die Kleinen sorgen konnten, seien die Kinder weitgehend sich selbst überlassen gewesen. Manuel habe sich um seine kleinen Geschwister kümmern müssen. Über die Rolle der Mutter sagte Dittrich: «Sie besorgte im Wesentlichen nur trockenes Toastbrot, zum Trinken gab es lediglich Leitungswasser.» Die Anklage lautet auf Mord und Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Blass erschien die 25-Jährige am Montag zum Prozessauftakt vor Gericht, brach immer wieder in Tränen aus. Zu den Wochen vor der Tat schwieg die kleine Frau mit den rotbraunen Haaren und dem schwarzen Hemd. Ihr Leben bis dahin schilderte sie aber ausführlich. Sie wuchs demnach in einer Pflegefamilie auf mit einer Mutter, die sie ständig kontrolliert und drangsaliert habe. Die leibliche Tochter der Pflegemutter habe sich vor mehr als zehn Jahren das Leben genommen. Nach ihrem Hauptschulabschluss brach die Angeklagte ihre Ausbildung ab, war eigenen Angaben zufolge seit 2008 arbeitslos.

In den Monaten vor dem Tod ihrer Tochter habe sie unter Depressionen gelitten und teilweise viel Alkohol getrunken. Die Trennung von dem Vater der beiden jüngeren Kinder habe sie zusätzlich belastet. Um ihre drei Kinder, die bis wenige Wochen vor dem Tod des Mädchens nachts bei den Großeltern waren, habe sie sich aber am Tage gekümmert. «Wir waren jeden Tag draußen, auf dem Spielplatz oder einkaufen», sagte die Mutter. Außerdem habe sie regelmäßig gekocht.

In einer Stellungnahme, die ihr früherer Anwalt im August 2012 an die Staatsanwaltschaft schickte und die am Montag verlesen wurde, äußerte sie sich: «Ich habe schon gemerkt, dass Maja zuletzt wenig gegessen und getrunken hat. Das kam bei ihr aber öfter vor.» Deshalb habe sie keine akute Gefahr für ihre Tochter gesehen.

Noch am Abend vor dem Tod des Kindes will sie Maja zu Essen und zu Trinken gegeben haben. Nachts habe sie nochmal nach den Kindern geschaut: «Da war noch alles in Ordnung.» Am nächsten Tag habe sie ihre Tochter dann tot im Bett gefunden.

Den alarmierten Beamten sowie dem Notarzt fielen damals sofort die desolaten Wohnverhältnisse sowie die offensichtliche Verwahrlosung des toten Mädchens auf. Die Familie wohnte in einem Mehrfamilienhaus in der rund 7600 Einwohner zählenden Gemeinde.

Nach dem Fall war auch das Jugendamt in die Kritik geraten. Mitarbeiter hatten mehrmals Kontakt zu der Frau - unter anderem, weil eine Nachbarin und ein Lehrer sich Sorgen gemacht hatten. Die Frau hatte mehrere vereinbarte Termine mit dem Amt abgesagt.

Ermittler fanden aber keine Anhaltspunkte dafür, dass das Kreisjugendamt Tuttlingen eine Gefährdung des Mädchens erkannt habe oder hätte erkennen können. Der Prozess sollte am Mittwoch fortgesetzt werden. Insgesamt sollen 44 Zeugen und drei Sachverständige vor Gericht aussagen.