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Ein Grablicht steht auf einem Friedhof vor einem Steinkreuz. Die Bestattungen von Amts wegen häufen sich. Foto: Seeger
Ein Grablicht steht auf einem Friedhof vor einem Steinkreuz. Die Bestattungen von Amts wegen häufen sich. Foto: Seeger
07.12.2016

Einsam bis ins Grab - Mehr Bestattungen ohne Reden und Blumen

Immer öfter werden Verstorbene ohne Reden und Blumen bestattet. Der Grund: fehlende familiäre Bindungen – insbesondere in Städten.

Beerdigungen ohne Angehörige und ohne Blumen – das erleben Bestatter im Südwesten immer häufiger. „Direkte Zahlen gibt es zwar nicht“, sagte der Vorstand der Landesinnung im Bestattungsgewerbe Baden-Württemberg, Christian Streidt. Er nehme aber eine leichte Zunahme wahr. Dabei gelte: „Je größer die Stadt, je öfter ist das der Fall. Das hat einen einfachen Grund: In den Städten leben mehr Singles, auf dem Dorf sind eher noch Familie und Verwandte da.“ Vor 30 Jahren habe es einsame Bestattungen vielleicht ein- bis zweimal im Jahr gegeben, sagt Streidt. „Heute ein-, zweimal pro Woche.“ Ein Trend, der – nimmt man den Durchschnitt – auch auf Pforzheim zutrifft. Nach Informationen der Stadtverwaltung betrug im Jahr 2014 die Zahl der sogenannten Bestattungen von Amts wegen 28; 2015 waren es 42, 2016 bisher 27.

Bestattungen von Amts wegen werden von den Behörden angeordnet, wenn es keine Angehörigen gibt oder sie nicht gefunden werden können. Denn eigentlich müssen Verwandte – etwa Kinder oder Eltern – die Kosten einer Beerdigung übernehmen. „Diese Verpflichtung kann im Gegensatz zum Erbe nicht abgelehnt oder ausgeschlagen werden, auch nicht bei zerrütteten Familienverhältnissen“, sagte eine Sprecherin des Sozialministeriums. Seien keine Bestattungspflichtigen vorhanden, müsse die zuständige Behörde die Kosten einer würdigen Bestattung selbst tragen.

„Dann wird der kostengünstigste Weg genommen“, sagte Streidt. Das sei in der Regel eine Feuerbestattung – danach werde die Urne anynom beigesetzt. Allerdings werde Rücksicht etwa auf die Religion des Verstorbenen genommen, soweit sie bekannt sei. „Niemand wird gegen seine Überzeugung und Religion eingeäschert. Wenn es zum Beispiel ein Schriftstück gibt, in dem derjenige schreibt, er wolle keine Feuerbestattung, dann muss sich das Amt an die Erdbestattung halten.“

Auch der Städtetag hat keine landesweiten Zahlen zu Bestattungen von Amts wegen. Nur für einzelne Kommunen gebe es Daten, sagte eine Sprecherin. So habe sich die Zahl der behördlich angeordneten Beerdigungen in Stuttgart in den vergangenen Jahren leicht erhöht: 2015 sei das 372 Mal vorgekommen, fünf Jahre zuvor rund 30 Mal weniger. „Die Tendenz ist über die Jahre steigend, wir gehen davon aus, dass dies auch für die Zukunft gilt“, sagte die Sprecherin. „Grund hierfür sind unserer Einschätzung nach immer mehr Personen, die alleine leben, vor allem im Alter, und die familiären Bindungen, die eher ab- als zunehmen.“

Er selbst habe solche einsamen Bestattungen erlebt, sagte Streidt. „Das hatte ich auch schon, dass nur der Pfarrer und ich die Urne beigesetzt haben. Da geht einem durch den Kopf, wie verroht diese Gesellschaft geworden ist. Dass wir nicht mehr füreinander da sind.“