nach oben
In Puncto alternative Energien zeichnet sich an den Hochschulen ein Umbruch ab.
In Puncto alternative Energien zeichnet sich an den Hochschulen ein Umbruch ab.
14.02.2012

Energiewende erreicht die Vorlesungssäle

Karlsruhe/Stuttgart. Sie entwickeln immer stärkere Windräder, optimale Holzheizungen und suchen Alternativen zum Öl: Bei den angehenden Ingenieuren im Südwesten ist die Energiewende längst angekommen. An den Hochschulen entstehen immer mehr hoch spezialisierte Studiengänge, in denen Fachleute für nachwachsende Rohstoffe, Biomasse und Windenergie ausgebildet werden. Die Branche ist dringend auf den Nachwuchs angewiesen. Denn wenn in den nächsten Jahren die Atomkraftwerke vom Netz gehen und der CO2-Ausstoß gesenkt werden soll, droht ein Fachkräftemangel.

Für die Absolventen der neuen Studiengänge ist es schon jetzt kaum ein Problem, einen Arbeitsplatz zu finden. Rund 370 000 Stellen gibt es nach Angaben der Agentur für Erneuerbare Energien bundesweit in diesem Wirtschaftszweig, das sind rund dreimal so viele wie vor zehn Jahren, sagt eine Sprecherin. «Und bis 2020 rechnet die Branche mit rund 500 000 Arbeitsplätzen.»

Doch auch die Anforderungen seien gestiegen. «Vor zehn Jahren hatten auch Quereinsteiger mit einem naturwissenschaftlichen Studium noch gute Chancen auf einen Arbeitsplatz. Heute werden zunehmend spezialisierte Studiengänge vorausgesetzt», betont die Sprecherin. An den Hochschulen im Südwesten ist deshalb in den vergangenen Jahren ein Studiengang nach dem anderen entstanden, der sich mit Erneuerbaren Energien beschäftigt.

In Karlsruhe werden Elektrotechniker mit dem Schwerpunkt Sonnen-, Wind- und Wasserkraft ausgebildet. In Mannheim gibt es einen Studiengang für Gebäudetechniker, die später als Experten für Passivhäuser, Photovoltaikanlagen oder sparsame Heizungspumpen arbeiten sollen. In Stuttgart beschäftigen sich angehende Agraringenieure in einem eigenen Studiengang mit Anbau und Nutzung von Biomasse. Und an der Forsthochschule in Rottenburg (Kreis Tübingen) werden neben den klassischen Forstwirten auch Experten für die energetische Nutzung von Holz ausgebildet. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

«Wir haben gemerkt, dass der klassische Elektrotechnik-Ingenieur viel zu wenig über Windenergie, Sonnenenergie oder Blockheizkraftwerke lernt», sagt Alfons Klönne, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Karlsruhe. Wer die Elektronik für ein Windrad entwickle, müsse eben auch ein bisschen was über Aerodynamik wissen und vor allem einschätzen können, wie das Stromnetz auf die stark schwankende Energiemenge bei Sturm und Windstille reagiert. «Das hat im bisherigen Elektrotechnik-Studium eigentlich keine Rolle gespielt.»

Die Nachfrage ist da: Auf einen Studienplatz kommen meist deutlich mehr Bewerber als bei den klassischen Studiengängen. Auch die Suche nach einem Job sei für die Absolventen selten ein Problem, sagt Klönne. «Auch die großen Energieversorger schwenken ja jetzt auf Erneuerbare Energien um. Da werden in den nächsten Jahren noch viele Fachkräfte gesucht.»

Auch die Agrarwissenschaftler an der Universität Hohenheim bekamen immer mehr Anfragen von Unternehmen, die nach Fachkräften mit Schwerpunkt Erneuerbare Energien suchten, erzählt Professor Joachim Müller. Für den Anbau geeigneter Pflanzen seien auch die klassischen Agrar-Absolventen gut ausgebildet. «Aber zum Beispiel für den technischen Bereich bei Biogasanlagen brauchen die Firmen spezifisch ausgebildetes Personal.» Als der Bachelor-Studiengang vor fünf Jahren startete, war die Hochschule auf 30 Studenten eingestellt, doch im aktuellen Wintersemester 2011/12 haben schon 130 Erstsemester ihr Studium aufgenommen.

Dieser Ausbau wird weitergehen, sind die Experten sicher. Allein an der Uni Hohenheim habe das Land zwei neue Professuren für Nachwachsende Rohstoffe eingerichtet, erzählt Müller. In Zeiten, in denen eigentlich überall gespart werde, sei das ein klares Signal. dpa