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Die impftechnische Erfassung bedeutet einen Mehraufwand.  Foto: dpa 

Enormer Aufwand: Die Masern-Impfpflicht kommt - Lässt sich die Krankheit ausrotten?

Stuttgart. Jetzt wird es ernst: Die Masern-Impfpflicht für Kindergarten- und Schulkinder tritt am Sonntag in Kraft. Experten finden das gut, aber die Umsetzung ist ein ziemlicher Kraftakt. „Dieses Bundesgesetz bedeutet eine Menge zusätzliche Arbeit für die Schulleitungen“, sagt die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz. Der ganze Verwaltungsaufwand werde den ohnehin belasteten Schulleitern aufgebürdet. „Dabei sollen die doch Zeit haben für pädagogische Aufgaben, für Personalentwicklung und so weiter“, erklärt sie. „Es gibt einen erheblichen Unmut seitens der Schulen.“

Kurz vor Weihnachten wurde das Gesetz im Bundesrat gebilligt, nun müssen die Länder zusehen, wie sie mit der Impfpflicht praktisch umgehen. Die Vorgaben sind klar: Wer sich als Schüler, Lehrer, Hausmeister, Erzieher oder Kita-Kind bereits in den entsprechenden Einrichtungen befindet, hat noch Zeit bis 31. Juli 2021, die Impfung nachzuweisen. Wer neu eingestellt wird oder neu aufgenommen werden will, muss den Impfnachweis ab sofort vorlegen. Nicht geimpfte Kindergartenkinder können abgewiesen werden – Schüler nicht. Denn der Impfpflicht steht die Schulpflicht gegenüber.

Was Schulen und Kindergärten tun müssen: Impfausweise einsammeln, kopieren, zu den Akten legen und so lange aufbewahren, wie die Kinder an der Kita beziehungsweise der Schule sind, erklärt Moritz. Der größte Aufwand steht noch bevor: Bis zum kommenden Jahr müssen Neuankömmlinge impftechnisch erfasst werden, der Impfstatus aller Kinder und Mitarbeiter in den Schulen und Kitas abgeklärt und dokumentiert werden.

Michael Hirn, Direktor der Stuttgarter Helene-Fernau-Horn-Schule, einer sonderpädagogischen Ganztagseinrichtung, sieht darin einen großen Mehraufwand. „Ich hätte mir gewünscht, dass eine zentrale Stelle dafür zuständig ist und nicht wir das auch noch aufgebürdet bekommen“, sagt er.

Bleiben Erziehungsberechtigte als Impfgegner stur oder bringen den Nachweis schlicht aus Nachlässigkeit nicht bei, muss dies dem Gesundheitsamt gemeldet werden, „unverzüglich“, wie es im Gesetz heißt. Die Behörde nimmt dann Kontakt mit den Eltern auf. Bleibt all das ohne Erfolg, droht schlimmstenfalls ein Bußgeld – das können bis zu 2500 Euro sein. Für Schüler hat das aber keine weiteren Konsequenzen. Sie können bis zum Schulabschluss ungeimpft an der Schule bleiben – Impflicht hin oder her. Für Kita-Kinder könnte der Betreuungsvertrag gekündigt werden.

Ulrich Wagner, Leiter Gesundheitsschutz am Landratsamt Karlsruhe, sieht das zunächst pragmatisch. „Wir haben ja keine Masse von Leuten, die nicht geimpft sind“, erläutert er. „Bei überzeugten Impfgegnern wird es auf ordnungsrechtliche Maßnahmen herauslaufen.“ Er hofft, mit dem Gesetz diejenigen zu erreichen, die bisher einfach nachlässig waren. „Ich bin froh, dass wir aus dem reinen Appellcharakter nun herauskommen“, sagt er. Aber: „Wir sehen auch einen enormen Aufwand auf die Menschen und die Verwaltung zukommen.“

Lassen sich die Masern ausrotten?

Wenn etwa 95 Prozent der Bevölkerung einen Immunschutz gegen Masern hat, lässt sich die Krankheit ausrotten. In Baden-Württemberg lag die Impfquote für zweimalige Masernimpfung bei den Schulanfängern 2019 bei 89,8 Prozent. Von rund 90000 Kindern, die bei der Einschulungsuntersuchung erfasst wurden, hatten laut Landesgesundheitsamt etwa 83000 eine Impfdokumentation vorgelegt. Von diesen hatten rund zehn Prozent keine oder nur eine einzige Masernimpfung.