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Energiewende mit alter Technik © dpa
27.03.2012

Erneuerbare Energien mit alter Technik

Ulm/Senden (dpa/lsw) - Holz zu verschwelen und das dabei entstehende Gas als Energiequelle zu nutzen, ist an sich keine neue Idee. Doch die Technik, die bis in die 1950er Jahre aus Mangel an sonstigen Brennstoffen für Fahrzeuge verwendet wurde, erlebt mit der Energiewende eine Renaissance. Die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU) setzen beispielsweise künftig darauf: Im Holzgas-Kraftwerk im bayerischen Senden entsteht aus verschweltem Holz Wärme und Strom.

Bildergalerie: Energiegewinnung mit alter Technik (Holzverbrennung)

Wenn in den nächsten Jahren die Atomkraftwerke vom Netz gehen und der CO2-Ausstoß gesenkt werden soll, gewinnt Energie aus erneuerbaren Quellen immens an Bedeutung. Bei der Holzvergasung gilt vor allem der Wirkungsgrad der Kraft-Wärme-Kopplung im Vergleich zu anderen Formen als hoch: 80 Prozent der zugeführten Leistung gibt das Kraftwerk den Angaben nach am Ende des Prozesses wieder ab. Beim Kernkraftwerk seien es 35 Prozent, beim Kohlekraftwerk rund 40 Prozent.

«Diese Kraftwerke verwenden die entstehende Wärme nicht als Energieressource», sagt der Leiter des Holzgas-Kraftwerks, Matthias Vitek. Die Holzvergasungsanlage erzeuge zudem pro Jahr rund 40 000 Tonnen weniger Kohlendioxid als ein vergleichbares Kraftwerk.

Die einzige Holzvergasungsanlage in Deutschland, die auf die kommerzielle Energie-Erzeugung ausgerichtet ist, soll im Juni in den Regelbetrieb gehen. Dann sollen im Jahr 36 Millionen Kilowattstunden Strom und 46 Millionen Kilowattstunden Wärme produziert werden. Damit können theoretisch die gut 23 000 Sendener versorgt werden.

Im Bezug auf die Wärme scheitert das in der Praxis aber momentan noch am Fernwärmenetz: Nur 4000 Haushalte und einige Firmen liegen im Versorgungsgebiet. Das hat zur Folge, dass ein Teil der im Kraftwerk gewonnenen Wärmeenergie an die Umgebung abgegeben werden wird. Interessensvertreter wie der Verband kommunaler Unternehmen verweist immer wieder auf solche Beispiele, wenn sie kritisieren, die Politik setze vor allem auf Großkonzerne, statt dezentral zu planen.

Probleme gab es auch bei den Planungen für das Holzgas-Kraftwerk - die Mechanik führte im vergangenen halben Jahr immer wieder zu Schwierigkeiten und damit zu Verzögerungen. Wegen bröckelnden Betons, defekter Dichtungen oder vibrierender Rohre konnte die Anlage nicht wie ursprünglich geplant im Dezember in den Regelbetrieb starten.

33 Millionen Euro hat das Kraftwerk gekostet. 6,6 Millionen hat das Bundeslandwirtschaftsministerium beigesteuert. Bis sich die Investition für die SWU rechnet, werden wahrscheinlich 20 Jahre vergehen. «Das hängt ganz vom Holzpreis ab», sagt Vitek. Um ein Stück Autarkie zu erreichen, hat die SWU bereits Grünflächen erworben, wo schnell nachwachsende Hölzer wie Pappeln angebaut werden sollen.

Mit dem Rohstoff geht es los: Holzhackschnitzel aus der Region werden hinter der Beton-Fassade des 170 Meter langen Kraftwerks verarbeitet. 45 000 Tonnen davon sollen im Jahr verschwelt werden. Das entspricht bis zu 15 Lkw-Lieferungen täglich. Das Holz stammt zunächst mindestens zur Hälfte aus Waldresthölzern, dem Material, für das Möbel- und Papierindustrie keine Verwendung haben. Einiges kommt aus der Landschaftspflege. Bei etwa zehn Prozent handelt es sich um Schwemmholz, das die SWU etwa am betriebseigenen Donau-Wehr sammelt.

Die in drei Silos gelagerten und getrockneten Hackschnitzel werden in einem 30 Tonnen schweren Stahlbehälter, dem sogenannten Vergaser, bei 800 bis 900 Grad verschwelt und dabei in ihre gasförmigen Bestandteile zerlegt. Beim Reinigen des Gases werden etwa giftige Teere aus dem Produktgas gelöst. Zwei Motoren im Kraftwerk wurden auf Holzgas umgerüstet, laufen nun in Eigenversorgung und treiben Generatoren an, die Strom erzeugen. Mit der beim Prozess entstehenden Wärme wird in einem Dampfturbinenkreislauf Energie erzeugt.

Abfall entsteht während des gesamten Prozesses in Form von Asche. Die muss allerdings wegen krebserregender Bestandteile deponiert werden. Und nur, wenn sämtliche entstehende Energie weiterverwendet wird, kann der hohe Wirkungsgrad erreicht werden.