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09.07.2012

Erneut Schüsse im Karlsruher Norden

Karlsruhe (dpa/lsw) - Wenige Tage nach dem blutigen Ende eines Geiseldramas in der Karlsruher Nordstadt hat erneut ein Mann mit Gewehr die Siedlung in Atem gehalten. Am frühen Sonntagmorgen feuerte der Betrunkene aus dem Fenster seiner Wohnung erst in die Luft und legte dann auf zwei Frauen und einen Mann an, teilte die Polizei am Montag mit. Er drückte jedoch nicht ab.

Die Opfer konnten flüchten und die Polizei alarmieren. Über die Motive des Täters ist noch nichts bekannt. Am vergangenen Mittwoch hatte wenige Straßen entfernt ein Geiselnehmer vier Menschen und sich selbst erschossen, weil seine Wohnung zwangsgeräumt werden sollte.

Die Polizei reagierte mit einem Großeinsatz auf den erneuten Alarm. Noch bevor sie die Wohnung stürmte, öffnete der Mann die Tür und ließ sich überwältigen. Seine Waffe erwies sich als Luftgewehr. Zudem fand die Polizei eine Schreckschusswaffe, eine Dose mit Schwarzpulver sowie fünf Cannabispflanzen. Der Alkoholtest ergab 1,6 Promille. «Es ist mir schleierhaft, wie man angesichts der Geschehnisse in den vergangenen Tagen so was machen kann», sagte ein Sprecher.

Bei den Ermittlungen zum tödlichen Geiseldrama schließen die Fahnder inzwischen Geldnot als Motiv weitgehend aus. Nach der Zwangsversteigerung verfügten die Frau und ihr Lebensgefährte über mehr als 60 000 Euro. Diese Summe sei allerdings auf der Hinterlegungsstelle des Amtsgerichts geparkt, erklärte der Präsident des Karlsruher Amtsgerichts, Jörg Müller, am Montag der Nachrichtenagentur dpa. Die frühere Wohnungsbesitzerin habe das Geld weder abgeholt noch eine Kontonummer für die Überweisung angegeben.

Der Weg zur Zwangsversteigerung führte nach Müllers Angaben über nicht gezahlte Nebenkosten. Seit Jahren habe die Eigentümerversammlung immer wieder Druck gemacht, geklagt und mit Zwangsvollstreckung gedroht. Der Gerichtsvollzieher sei in der Folge mindestens zweimal dort gewesen, und der Partner der Frau habe dann jeweils einen Teil der Beträge gezahlt. Bei diesen Begegnungen sei alles normal verlaufen - und das Verfahren danach beigelegt worden.

Im vergangenen Jahr spitzte sich die Situation zu. Dabei ging es um knapp 1900 Euro. «Offenbar war die Pfändung diesmal nicht erfolgreich», erzählte Müller. Die Eigentümerversammlung ließ sich daraufhin eine Zwangssicherungshypothek eintragen. «Das wird als letztes Druckmittel genutzt. Spätestens dann klingeln bei den säumigen Zahlern die Alarmglocken.» Doch das Paar rührte sich nicht.

So ging das Verfahren seinen weiteren Gang: Der Termin zur Zwangsversteigerung wurde angesetzt. «Viele Betroffene melden sich spätestens zu diesem Zeitpunkt, um sich zu einigen und die Immobilie selbst zu verkaufen», erklärte der Gerichtspräsident. Doch das Paar blieb stumm. «In solchen Fällen können wir nichts anderes tun als immer wieder den Kontakt suchen. Aufzwingen können wir nichts.»

Am Schweigen änderte sich auch nichts, als die Wohnung für 150 000 Euro unter den Hammer kam - was etwa dem Marktwert entspricht. Nach Abzug der Gerichts- und Gläubigerkosten - neben der Eigentümerversammlung hatte die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) fehlende Beiträge der arbeitslos gewordenen Frau moniert - blieben mehr als 60 000 Euro übrig.

«Das war ein atypischer Verlauf», sagte Müller. Dass sich Menschen mit Geldsorgen nicht melden, gehöre zum Alltag. «Nicht selten kommen wir zu Zwangsräumungen, brechen die Tür auf und alles ist ausgeräumt.» Das Schweigen habe zu keinem Zeitpunkt auf ein Verschanzen oder ein aggressives Verhalten hingedeutet. «Aber es ist auch klar, dass wir solche Signale künftig anders werten werden.»