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Es bleibt eisig: Noch bis zu zehn Tage weiter bibbern © dpa
03.02.2012

Es bleibt eisig: Noch bis zu zehn Tage weiter bibbern

Stuttgart (dpa/lsw) - Die Baden-Württemberger müssen noch länger mit den extremen Minusgraden leben. «Es deutet sich nichts an, dass es in den nächsten sieben bis zehn Tagen wieder wärmer wird», sagte ein Meteorologe vom Deutschen Wetterdienst am Donnerstag in Stuttgart.

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In ungünstigen Lagen und dort, wo Schnee liegt, fallen die Temperaturen in den nächsten Tagen auf bis zu minus 20 Grad. Selbst im sonst deutlich milderen Rheintal sind minus 10 Grad möglich. Ein derart massiver Vorstoß von Kaltluft aus Sibirien ist ungewöhnlich.

WARM ANZIEHEN!

Warm anziehen, viel trinken und keinen Extremsport draußen treiben - das rät der Freiburger Medizin-Meteorologe Werner Schätzle: «Vor allem Menschen mit Bluthochdruck sollten jetzt zusätzliche Anstrengungen im Freien meiden.» Wegen der Minus-Temperaturen steige das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zum Infarkt. Der Körper sei anfälliger für Infektionen, Gefäß- und Atemwegerkrankungen. «Bei Kälte ziehen sich die Blutgefäße zusammen, die Durchblutung wird schlechter. Körperliche Anstrengung belastet zusätzlich den Blutkreislauf», erklärte Schätzle. «Wichtig ist, im Winter viel zu trinken.» Die schlechte Durchblutung und der Vitamin-D-Mangel durch fehlendes Sonnenlicht schwächen das Immunsystem des Körpers, so dass das Risiko von Infektionen steigt. «Deshalb möglichst immer raus, wenn die Sonne scheint.»

FRÜHER LOSFAHREN!

Berufspendler sollten lieber ein wenig früher aufstehen: Kälte, Glatteis oder Schneechaos auf den Straßen seien kein Grund, sich zu verspäten, teilte der Auto Club Europa (ACE) in Stuttgart mit. Wenn ein Arbeitnehmer wegen des schlechten Wetters unpünktlich zur Arbeit komme, müsse er mit Gehaltskürzungen rechnen oder die versäumte Zeit nacharbeiten. «Das Wegerisiko liegt grundsätzlich beim Arbeitnehmer, der damit auch die Folgen höherer Gewalt zu tragen hat.»

NICHT AUFS EIS GEHEN!

Mehrere Städte im Südwesten warnen vor dem Betreten zugefrorener Seen. Wegen des milden Januars sei die Eisschicht oft noch sehr dünn, erklärten die Stadtverwaltungen in Karlsruhe, Pforzheim, Freiburg und Baden-Baden. Trotz der eisigen Temperaturen bestehe nach wie vor Lebensgefahr. Es sei noch nicht abzusehen, wann die Seen und Wasseranlagen freigegeben werden können.

KEINE SEEGFRÖRNE

Der Bodensee wird in diesem Winter und auch in den nächsten Jahren wohl nicht mehr vollständig zufrieren. «Das ist im Zuge des Klimawandels eher unwahrscheinlich», sagte Reiner Kümmerlin vom Institut für Seenforschung in Langenargen. Der Bodensee war zuletzt im Winter 1962/63 komplett zugefroren. «Damals war es aber über lange Zeit extrem kalt», sagte Kümmerlins Kollege Thomas Wolf. «Dieses Jahr hatten wir zu großen Teilen einen sehr milden Winter.» Derzeit hat der See eine Temperatur von 5,2 Grad. Voraussetzung für eine «Seegfrörne» ist, dass der See auf rund vier Grad abkühlt, die Temperatur an der Oberfläche müsste gegen Null gehen. Dafür müsse es mindestens mehrere Wochen lang Minusgrade haben, sagte Wolf. «Eine Woche Kälte reicht da nicht aus.»

BAUSTELLEN RUHEN

Die Kälte hat mancherorts die Arbeit an Baustellen gestoppt. Da der Boden gefroren ist, hat das Freiburger Tiefbauamt die Arbeiten an Baustellen im gesamten Stadtgebiet unterbrochen. Auch an drei der sechs Baustellen am Karlsruher Stadtbahntunnel wurde die Arbeit eingestellt. An anderen Baustellen wie auf der Bundesstraße 500 (Schwarzwaldhochstraße) in Baden-Baden wird ungeachtet der Kälte weiter geschuftet.

GENUG STREUSALZ

Im vergangenen Winter wurde vielerorts das Streusalz knapp. Diesmal sehen sich die Stadtverwaltungen gut gewappnet. Salzdepots wurden aufgerüstet, die Lager sind gefüllt. Nicht zuletzt dank des milden Januars war bisher wenig Streusalz erforderlich.

KEIN PROBLEM FÜR SCHIFFE

Die Kältewelle ist für die Schifffahrt auf Neckar und Rhein bisher kein Problem. «Die Schiffe fahren», sagte der Sprecher des Wasser- und Schifffahrtsamts Mannheim, Jörn Heilmann. «Es ist ja noch kein Eis da.» Und das bleibe auch so; ein Zufrieren der Flüsse sei nicht zu erwarten. Die Fabriken, Kraftwerke und Industrieanlagen entlang des Ufers versorgten die Flüsse stetig mit warmem Wasser, erklärte Heilmann. Damit die Flüsse Eis bilden könnten, müssten die Kraftwerke ihren Betrieb einstellen - bei gleichzeitig eisigen Temperaturen.

AUCH KEIN PROBLEM FÜR LANDWIRTE

Die Kältewelle ist für die Landwirtschaft bisher kein größeres Problem. Auf den Feldern stehen vor allem Wintergerste, Winterweizen und Winterraps. «Die Bestände haben sich vom Herbst her gut entwickelt», sagte der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Main-Tauber-Kreis, Alois Fahrmeier. «Zum jetzigen Zeitpunkt glauben wir nicht, dass viel kaputtgegangen ist.» Zusätzliche Arbeit bringt die Kälte in der Viehwirtschaft. In den offenen Ställen wird die Wasserversorgung schwieriger, weil Leitungen einfrieren und Tränken vereisen. Dann muss heißes Wasser helfen, oder die Tiere werden mit Wasser aus Eimern versorgt, erläuterte der Landesbauernverband. Die Kühe selbst sind in der Kälte aber entspannt. «Die geben sich ja gegenseitig Wärme ab», meinte ein Verbandssprecher.

HEIZÖL HEISS BEGEHRT

Die Kältewelle scheint viele Hausbesitzer zu Last-Minute-Käufen beim Heizöl zu treiben. «Es kommen viele, die kurzfristig mehr Heizöl brauchen», sagte der Vorsitzende des Verbands für Energiehandel Südwest-Mitte in Mannheim, Rudolf Bellersheim. «Die Leute haben Angst, dass ihnen am nächsten Tag das Öl ausgeht.» Wegen der hohen Preise hätten sich viele Verbraucher beim Heizölkauf bislang zurückgehalten, sagte Bellersheim. «Wenn die Preise sehr hoch sind, kaufen die Leute nur die Menge ein, die sie den Winter über für ihr Haus brauchen. Jetzt wird das Öl im Tank knapp.» Derzeit koste ein Liter Heizöl 91 Cent bei einer Abnahmemenge zwischen 2000 und 3000 Litern.

MEHR BETTEN FÜR OBDACHLOSE

Die Behörden im Elsass haben mehr als 400 zusätzliche Bettenplätze für Obdachlose bereitgestellt. Die eisigen Temperaturen mit bis zu minus 13 Grad sollen bis zum Wochenende anhalten. Deshalb hat der elsässische Fußballverband alle Spiele in der Region bis Sonntag abgesagt. Der Wind aus Nordost von etwa 30 Stundenkilometern verstärke die «gefühlte Kälte» auf bis zu minus 20 Grad, hieß es. Marktverkäufer bleiben ziemlich gelassen. «Man muss sich mit mehreren Kleidungsschichten schützen», sagte ein Käsehändler an einem Straßburger Stand. Sein Tipp: «Man muss gut ausgeschlafen sein. Das macht einen widerstandsfähiger.»

KEIN KÄLTEFREI

Eine spezielle Vorschrift für den Schulbetrieb während großer Kälte gibt es laut Kultusministerium nicht. Wird der Schulweg zu gefährlich oder fallen die Verkehrsmittel für den Schülertransport aus, zählt das laut Schulbesuchsverordnung als Verhinderungsgrund. Die Eltern müssen dann der Schule Bescheid geben, dass das Kind zu Hause bleibt. Damit sind die Schüler entschuldigt.

AUSGANGSSPERRE FÜR GIRAFFEN

Die Wilhelma in Stuttgart gönnt den Tieren eine Extraportion Komfort und Aufmerksamkeit. Minusgrade machen vor allem sonnenverwöhnten Tieren zu schaffen. Die Erdmännchen aus Afrika hätten nun Hitzestrahler im Gehege, um sich wärmen zu können, sagt Wilhelma-Zoologe Günther Schleussner. Die Zebras bekämen eine weitere Schicht Stroh, die gegen die Kälte vom Boden besser isoliere. Radikaler sind die Maßnahmen bei den Giraffen. Die Tiere müssen sich wegen Glatteises mit einer Ausgangssperre abfinden. ««Die Gefahr, dass sich die Tiere die Beine brechen, ist einfach zu groß», sagt Schleussner. Die Elefanten dürfen nur ein paar Stunden ins Freie. Deren dünnhäutige Ohren drohten bei eisiger Kälte auszukühlen.

MANCHES EIS GEHT IMMER

Heißgetränke gehen an kalten Wintertagen in Massen über die Theken. Der große Verlierer der Kältewelle sind die Eisdielen. Wie eine Mitarbeiterin des Eiscafés «La Fenice» in Stuttgart berichtet, schmälert die Kälte seit Anfang der Woche die ohnehin schon geringe Nachfrage noch weiter: «Unsere Verkaufsstellen ohne Sitzmöglichkeiten verkaufen kaum noch Eis. Besser läuft das Geschäft in unseren Eiscafés.» Bevorzugt werde - anders als im Sommer - nicht die Eiswaffel, sondern das Eis im Becher. Vor allem Becher mit warmen Früchten kämen gut an, wie die «Heiße Liebe» - Vanilleeis mit heißen Himbeeren. Aber auch Obst-Eisbecher wie der Bananensplit. Manches Eis schmeckt eben auch im Winter.