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Zeugen Jehovas bei einem Sonderkongress in Hamburg.
Zeugen Jehovas bei einem Sonderkongress in Hamburg. © dpa-Archiv
25.05.2010

Esslinger Ex-Zeuge Jehovas klagt über Ächtung

ESSLINGEN. Jahrelang war er ein angesehener „Ältester“ bei den Zeugen Jehovas. Dann stieg er mit seiner Ehefrau aus - und fühlt sich seitdem geächtet. Für die Erfahrungen von Martin S. (Name geändert) und anderen Aussteigern interessiert sich derzeit das baden-württembergische Justizministerium.

Dort wird geprüft, ob das Land den Zeugen Jehovas die beantragte Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts verweigern kann. „Wir haben im Laufe der Zeit die Regeln der Organisation nicht mehr akzeptieren können“, sagt Martin S.. „Als ich ganz oben war, habe ich lange genug hinter die Fassade schauen können und musste leider feststellen, dass viele Texte aus der Heiligen Schrift anders wiedergegeben werden. Darin werden eigene Meinungen und Ideen der Organisation hineininterpretiert.“

Der Justiziar der Zeugen Jehovas, Gajus Glockentin, entgegnet: „Die Ehrfurcht vor Gottes heiligem Wort würde es uns nie erlauben, die Bibel mit eigenen Ansichten oder Meinungen zu verfälschen.“ Sein Ausstieg habe zu Missachtung, Ächtung und Rufmord seitens ihrer früheren Bekannten, Freunde und auch der eigenen Familie geführt, erzählt der 42-jährige Martin S. aus dem Kreis Esslingen.

Auf das Ausmaß dieser Ablehnung waren er und seine Frau nicht gefasst. „Ich dachte nicht, dass sie so mit uns umgehen. Ich dachte, wenigstens die Familienbande bleibt erhalten“, sagt Sabine S. (40). Sie habe lange an das Gute der Zeugen Jehovas geglaubt. „Ihre Richtlinien haben mir geholfen, mit meinen Ängsten und Sorgen besser fertig zu werden. Heute meidet man mich, weil ich mir herausgenommen habe, freie Entscheidungen zu treffen. Das wird mir immer wehtun.“

Laut Glockentin können Menschen, die die Religionsgemeinschaft verlassen, nur nicht mehr an der engen christlichen Liebes- und Lebensgemeinschaft teilhaben. „Die überwiegende Mehrheit der aus unserer Religionsgemeinschaft ausscheidenden Personen verlässt uns im Frieden. Wir lassen jedenfalls alle, die unsere Religionsgemeinschaft verlassen haben, in Frieden und hoffen, dass sie auch uns in Frieden lassen.“

Seit seinem Ausstieg hat Martin S. keinen Kontakt mehr zu seinem Vater: „Ebenso zu den Geschwistern. Das geht nicht von mir aus.“ Eine Schwester von ihm sei aus den Zeugen Jehovas ausgeschlossen worden, weil sie Ehebruch begangen habe. „Das verbieten die Zeugen Jehovas ebenso wie das Rauchen, Bluttransfusionen, Feiern von Geburtstagen und Festen wie Ostern oder Weihnachten.“ Übermäßiges Trinken von Alkohol sei auch verpönt.

Glockentin: „Nicht Jehovas Zeugen verbieten diese Dinge, sondern Gottes Wort. Ob jemand diese Verhaltensweisen pflegen möchte oder nicht, ist eine Frage, ob er Gottes Willen in seinem Leben akzeptieren will oder nicht. Mit der bewussten Entscheidung, Gott dienen zu wollen, die jeder Zeuge Jehovas vor seiner Mitgliedschaft getroffen hat, hat er auch für sich entschieden, sich an diese Gebote halten zu wollen.“

Gewünscht seien enge Bindungen an die Gemeinschaft, indem man Vorgaben einhält, Geld spendet und beispielsweise regelmäßige Predigtberichte abgibt, berichtet Martin S.: „Durch Aufseher wird dann beurteilt, wer aktiv ist und wer nicht. Wenn man angetrieben werden muss, ist das nichts. Die Zeugen Jehovas machen einen großen Fehler, weil sie Druck auf die Mitglieder ausüben, nach festen Regeln zu leben. Wenn man nicht mehr funktioniert, bekommt man das schnell zu spüren.“

Glockentin erklärte, dass der Einzelne mit seinem Verhalten Gott gefallen möchte, deshalb sei das Einhalten biblischer Gebote für ihn „kein Muss“. „Erst Recht ist kein Druck notwendig, um ihn dazu zu bewegen.“ Die Familien der beiden Aussteiger waren in den 70er Jahren mit den Zeugen Jehovas in Kontakt gekommen - durch die übliche „Haus-zu- Haus-Mission“: Mitglieder der Organisation klingelten an der Tür, stellten die Zeitschriften „Der Wachtturm“ und „Erwachet!“ vor, man kam ins Gespräch und fand mit der Zeit Gefallen daran.

Mit 25 Jahren wurde Martin S. Dienstamtsgehilfe, mit 28 leitete er als „Ältester“ Zusammenkünfte und hielt Vorträge in anderen Städten. „Frei entscheiden, was ich dort sage, war aber nicht möglich. Alles verlief nach einem vorgegebenen Konzept aus der Zentrale.“ Dazu sagte der Justiziar der Zeugen Jehovas: „Im Rahmen der Leitlinien, die die weltweite Gemeinschaft der Gläubigen vereinen, sind die Redner in der Gestaltung ihrer Programmpunkte frei, wenn auch Themen und Inhaltsschwerpunkte vorgegeben werden.“

Irgendwann begann Martin S. in seinem Glauben zu „schwächeln“, wie er heute sagt. Schließlich schrieb er einen Brief an die Zentrale in Selters (Taunus). Nachdem darauf keine zufriedenstellende Antwort kam, schickte er einen zweiten Brief und legte seine Ämter ohne Begründung nieder. „Danach hat man schlecht über mich geredet und Rufmord betrieben.“ Er und seine Ehefrau seien von allen gemieden worden.

„Wir haben alle sozialen Kontakte verloren“, sagt die 40-Jährige. „Wenn in der Organisation jemand nicht mitzieht, wird Kontrolle ausgeübt“, ergänzt Martin S.. Glockentin widerspricht: „Dieser Vorwurf trifft uns schon allein deswegen nicht, weil unser ganzes Bestreben Ausdruck der von Jesus Christus gebotenen Nächstenliebe ist.“