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Von der AfD-Abgeordneten zur fraktionslosen Einzelkämpferin: Claudia Martin vor Beginn der letzten Landtagssitzung 2016 im Plenarsaal. Foto: dpa
Von der AfD-Abgeordneten zur fraktionslosen Einzelkämpferin: Claudia Martin vor Beginn der letzten Landtagssitzung 2016 im Plenarsaal. Foto: dpa
28.12.2016

Ex-AfD-Abgeordnete Claudia Martin: „Ich wasche keine schmutzige Wäsche“

Es ist ein Paukenschlag. Wenige Tage vor Weihnachten kehrt Claudia Martin (46) der AfD-Fraktion im Landtag den Rücken und tritt aus der Partei aus – enttäuscht und ernüchtert über einen Rechtsruck in der AfD. Die Partei zürnt. Ein Shitstorm bricht sich Bahn. Martin bleibt standhaft und erklärt jetzt im PZ-Interview, was zum Bruch mit der AfD geführt hat und welche Ziele sie als fraktionslose Parlamentarierin im Landtag verfolgen will.

PZ: Frau Martin, an der letzten Plenarsitzung in diesem Jahr haben Sie erstmals als fraktionslose Abgeordnete teilgenommen. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Claudia Martin: Ich war sehr aufgeregt. Es war ja der Tag nach meinem Austritt, an dem ich das erste Mal meinen ehemaligen Fraktionskollegen wieder über den Weg gelaufen bin. Aber der Tag ist sehr ruhig verlaufen.

PZ: Gab es Anfeindungen vonseiten Ihrer einstigen Fraktionskollegen?

Claudia Martin: Offizielle Anfeindungen gab es nicht. Später fiel dann die eine oder andere hässliche Bemerkung von Fraktionsmitarbeitern.

PZ: Und wie gehen die Mitglieder der anderen Fraktionen mit Ihnen um?

Claudia Martin: Genauso wie früher auch – kollegial. Viele haben mich auch auf meinen Schritt angesprochen.

PZ: Welche Reaktionen gab es nach Ihrem Austritt aus Fraktion und Partei an der Basis in Ihrem Wahlkreis Wiesloch?

Claudia Martin: Dass ich mit meinem Austritt viele schockieren und dass es ein großes Entsetzen geben würde, das war mir von vornherein klar. Und es war auch absehbar, dass die Reaktion seitens der Partei nicht zimperlich ausfallen würde. Es ging dann auch ein Mega-Shitstorm los, der mich aber nicht überrascht hat. Ich habe aber auch durchaus positive und zusprechende Reaktionen erhalten.

PZ: Ihr Landtagsmandat wollen Sie behalten. Wäre es nicht konsequent und gegenüber Ihren Wählern auch ehrlich, wenn Sie dieses niederlegen würden?

Claudia Martin: Ich bin ja angetreten, um mitzuhelfen einiges in diesem Land in Angriff zu nehmen und Dinge, die vielleicht in Schieflage geraten sind, wieder zurechtzurücken. Ich bin auch deswegen politisch aktiv geworden, um mitwirken zu können und nicht immer dazusitzen und zu meckern und nichts zu tun. Deshalb behalte ich mein Mandat und werde die Positionen, die ich im Wahlkampf vertreten habe, in meine Arbeit im Landtag weiterhin einfließen lassen. Nur eben nicht mehr im Namen der AfD.

PZ: Welches sind Ihre Positionen?

Claudia Martin: Da ich aus dem pädagogischen Bereich komme, liegt mir vor allem das Thema Bildung am Herzen. Ich trete für den Erhalt eines leistungsstarken Bildungssystems ein, in dem Eltern eine wirkliche Wahlfreiheit haben sollten, wie sie ihre Kinder erziehen – ob sie das selber tun möchten oder ob sie sie eben in Einrichtungen geben. Ich möchte mich des Themas innere Sicherheit annehmen, weil ich der festen Überzeugung bin, dass unsere Sicherheitsorgane wieder gestärkt werden müssen – personell, technisch wie auch hinsichtlich der Arbeitsbedingungen. Und durch meine Arbeit im Landtag bin ich auf das Thema Digitalisierung gestoßen. Ein Bereich, der in den nächsten Jahren unsere Leben maßgeblich verändern wird.

PZ: Als fraktionslose Abgeordnete haben Sie aber nur geringen Einfluss auf parlamentarische Entscheidungen. Wie wollen Sie da durchdringen?

Claudia Martin: Ich bin recht zuversichtlich, dass ich künftig das eine oder andere anstoßen kann – insbesondere über die Tätigkeit in einem Ausschuss. Ich war bisher in drei Ausschüssen – Petition, Bildung und Inneres – tätig. In einem dieser drei Ausschüsse werde ich weiterarbeiten. Welcher das sein wird, ist aber noch offen.

PZ: Was hatte Sie vor drei Jahren eigentlich veranlasst, in die AfD einzutreten?

Claudia Martin: Impulsgeber war meine Tätigkeit als Erzieherin, wobei ich viele Kinder bis zur Einschulung begleitet habe. Dabei habe ich festgestellt, dass der Weg der Inklusion nicht jedem Kind die best möglichsten Entwicklungs- und Bildungschancen gibt. Hier wollte ich ansetzen, bin dann aber bei meinem eigenen beruflichen Umfeld schnell an Grenzen gestoßen.

PZ: Und da haben Sie nur die AfD gesehen, um Veränderungen zu erreichen?

Claudia Martin: Die AfD war eine junge Partei, die ihren Mitgliedern von Anfang an die Möglichkeit gegeben hat, sich wirklich politisch zu engagieren. Dadurch bekam man auch sehr schnell das Gefühl, dass man in diesem Land tatsächlich mitgestalten kann. Man ist nicht nur einfach jemand, der eine Mitgliedsnummer trägt.

PZ: Ihren Austritt aus Fraktion und Partei haben Sie mit einem Rechtsruck in der AfD begründet. Welche Schuld daran trägt Ihrer Ansicht nach Fraktions- und Bundeschef Jörg Meuthen? Hat er die Fraktion nicht im Griff?

Claudia Martin: Sowohl Fraktion als auch Partei leiden meiner Ansicht nach generell unter einer starken Führungslosigkeit. Es fehlt an ethischen Grundsätzen, es fehlt an Positionen wie weit darf man gehen, welche Meinungen sind noch vertretbar, welche haben in den Reihen der AfD nichts mehr zu suchen. Wenn man als Partei der bürgerlichen Mitte wahrgenommen werden will, dann hat man die Pflicht, Grenzen zu ziehen und wird nicht jede Meinung in seinen Reihen dulden können. Und das geschieht einfach nicht.

PZ: Rechnen Sie damit, dass weitere AfD-Abgeordnete ihrem Beispiel folgen werden?

Claudia Martin: Das weiß ich nicht. Mir ist nur bekannt, dass ich nicht die Einzige bin, die mit der Fraktion und mit dem, was passiert ist, unzufrieden war und ist. Wer geht und wer nicht geht, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Denn der Schritt auszutreten ist alles andere als leicht.

PZ: Sie wollen jetzt ein Buch über Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der AfD schreiben. Was darf der Leser erwarten?

Claudia Martin: Ich habe festgestellt, dass in der AfD oftmals Dinge einfach unter den Teppich gekehrt und Konflikte nicht ausgetragen werden. Ich finde das nicht richtig, weil man damit den Nährboden dafür schafft, dass Verhaltensweisen an den Tag kommen, die man eigentlich nicht mehr tolerieren sollte. Deshalb habe ich der Fraktion gesagt, ich werde den Mund jetzt nicht mehr halten. Das war letztlich auch der Punkt, wo ich mir gesagt habe: Ich schreibe mir das, was mir an Erlebnissen und Erfahrungen zuteilgeworden ist, als eine Art Rechenschaft ablegen von der Seele.

PZ: Wollen Sie da auch schmutzige Wäsche waschen?

Claudia Martin: Nein, ich bin nicht der Mensch, der schmutzige Wäsche wäscht.