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Laut Herbert Landolin Müller ist die islamistische Szene in Baden-Württemberg beweglicher denn je. Foto:dpa
Laut Herbert Landolin Müller ist die islamistische Szene in Baden-Württemberg beweglicher denn je.
03.01.2012

Experte: Islamistenszene im Südwesten beweglicher denn je

Stuttgart. Die islamistische Szene in Baden-Württemberg ist nach den Worten eines Experten des Verfassungsschutzes beweglicher denn je. «Es gibt Aktivitäten in Stuttgart, Pforzheim, Heilbronn oder Ulm», sagte der Leiter der Abteilung Internationaler Extremismus und Terrorismus im Stuttgarter Verfassungsschutzamt, Herbert Landolin Müller, der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. Eine charismatische Führerfigur habe die Szene aber nicht mehr. «Solche Kaliber mit Medieneffekt haben wir nicht.»

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Müller sprach sich weiter für den Einsatz von V-Leuten aus. «Wir brauchen dieses nachrichtendienstliche Mittel dringend. Aber es muss an der richtigen Stelle eingesetzt werden.» Die Auswüchse der Ulmer Islamistenszene etwa haba man nur erkennen können, weil man an den richtigen Stellen vertreten war. Ohne Quellen käme man nicht an entsprechende Bereiche der einschlägigen Szenen.

Die Islamisten seien international gut miteinander vernetzt. «Eine Führungspersönlichkeit muss gar nicht physisch in Baden-Württemberg sein», betonte Müller. Die Beobachtung der Szene sei aufwendig und schwierig. «Man darf sich nicht verzetteln.» In seiner Behörde werde kein Hinweis abgetan, es werde alles abgearbeitet. Müller verglich die Arbeit des Geheimdienstes mit der eines Wissenschaftlers, der viele Teile zu einem Ganzen zusammensetzt. Manchmal sei es «wie wenn ein Paläontologe in Westafrika nach bestimmten Teilen des Australopithecus sucht».

Die Verfassungsschützer seien vor Überraschungen nie gefeit. Islamistische Terroristen träten aber im Gegensatz zu den jüngsten Protagonisten des rechtsextremen Terrorismus anders in Erscheinung und seien bemüht, ihre Aktionen mit entsprechenden Bildern und Propaganda zu begleiten. «An die Unterstützer und an "die Bösen" muss eine Botschaft gehen», sagte Müller.

Eine Bedrohung sei in Deutschland - wie in der gesamten westlichen Welt - vorhanden, sagte Müller. Über konkrete Erkenntnisse über eine Bedrohung in Baden-Württemberg wollte Müller nicht sprechen. «Im Fall des Falles haben wir es mit Leuten zu tun, die - wenn sie etwas machen - dies im kleinen Kreis tun. Deswegen gibt es keine 100-prozentige Sicherheit.»

Die Protestbewegungen des «Arabischen Frühlings» seien vom Verfassungsschutz mit Interesse verfolgt worden. «Wir haben allen Grund genauer hinzuschauen, wie sich die Szenerien in den jeweiligen Ländern entwickeln», sagte Müller. «Wenn sich die Auffächerung der islamistischen Szene fortsetzt, könnte die Entwicklung eintreten, dass extremistische und gar militante Gruppen auch aus Baden-Württemberg Unterstützung bekommen.»