nach oben
Drei Straftäter sind durch das Loch im zweiten Stock ausgebrochen und haben sich abgeseilt.
Drei Straftäter sind durch das Loch im zweiten Stock ausgebrochen und haben sich abgeseilt. © dpa
25.09.2017

Experten: Flüchtige Psychiatrie-Patienten könnten Straftaten begehen

Zwiefalten. Drei Straftäter brechen aus einer geschlossenen Abteilung in Zwiefalten aus. Wie sie das angestellt haben, ist sehr ungewöhnlich: Sie bauen aus Bettkastenholz einen Rammbock und durchschlagen damit eine Außenwand.

Irgendwie geschah alles auf einmal. Das Chaos war perfekt. Eine Flucht, wie man sie sonst nur im Kino oder am Bildschirm erlebt. «Es war 20.15 Uhr, da hörte eine Schwester zwei kräftige Schläge», berichtet Alfred Bayer von der Pflegerischen Leitung der Klinik für Forensische Psychiatrie in Zwiefalten (Kreis Reutlingen). Bei einem Blick aus dem Fenster habe sie Mauersteine und Schutt auf dem Boden gesehen. «Sie hat sofort Personenalarm ausgelöst.»

Doch den drei drogenabhängigen Straftätern, die am vergangenen Samstagabend durch ein Loch in der Wand ihres Patientenzimmers in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie entkamen, reichte der Vorsprung allemal. Die Großfahndung nach ihnen blieb - zumindest bis zum Montag - erfolglos.

Die Flucht ist das Stadtgespräch in dem beschaulichen Ort auf der Schwäbischen Alb. Manch einer hat Angst, andere nehmen es mit Humor. «Ischt doch klar, die hatten Durscht», sagt ein grauhaariger Mann und zeigt auf das Spruchband, das die Straße zwischen der Klinik und der gegenüber liegenden Klosterbrauerei überspannt: «Zwiefalter Historisches Bierfest 22.-25. September».

Zum Lachen ist der Klinikleitung freilich nicht. Schließlich könnten die Flüchtigen nach Einschätzung von Therapeuten kriminelle Handlungen begehen, um an Drogen oder anderen Stoff zu kommen. Die 30, 32 und 38 Jahre alten Männer aus Griechenland, der Türkei sowie Italien sind wegen Raubtaten verurteilt.

Alle drei wurden als schwer drogen- und alkoholabhängig eingestuft. Selbst nach längerer Behandlung wurden sie als nicht weiter therapierbar eingeschätzt, berichtet Chefärztin Ruxanda Zavoianu. Deshalb standen die Männer nach Angaben des Leitenden Ärztlichen Direktors, Professor Gerhard Längle, kurz davor, wieder zurück ins Gefängnis zu müssen. In ihren Zellen hätten sie noch teils lange Haftstrafen zu verbüßen gehabt - und das wussten sie natürlich.

Auch deshalb war das Trio im sogenannten Krisenbereich der Klinik untergebracht. Er galt als recht ausbruchssicher. Dafür hatte man eigens zusätzliche Maßnahmen getroffen, nachdem es seit 2012 zu mehreren Ausbrüchen aus Psychiatrischen Anstalten in Baden-Württemberg gekommen war. «Nun müssen wir das wohl alles nochmal auf den Prüfstand stellen», sagt Bayer.

Die Patienten in diesem geschlossenen Bereich waren tagsüber beinahe einmal pro Stunde im Kontakt mit dem Personal gewesen. Regelmäßig seien die Aufenthalts- und Schlafräume kontrolliert worden, berichtet Bayer weiter. «Abends werden die Patienten eingeschlossen, mindestens zweimal in der Nacht wird mit Blicken durch die Luke und das Ableuchten der Räume mit der Taschenlampe kontrolliert.»

Doch mit ihrer Flucht gaben die Drei all dies der Lächerlichkeit preis: Mit provisorischen Werkzeugen, unter anderem wohl aus Scharnieren von Bettgestellen und Stühlen, hätten sie die 40 Zentimeter dicke Außenwand immer weiter ausgehöhlt, wie Bayer sagt. «Den Bauschutt fanden wir unter ihren Betten, der passte in zwei Eimer.»

Der zum Durchstechen vorbereitete Teil der Wand war demnach von einem Heizkörper verdeckt, den die handwerklich begabten Täter zum Schürfen wohl immer wieder nach hinten klappten. Niemand will davon etwas gehört haben. Aus einem Bettgestell bauten die Täter einen mit Stoff umwickelten Rammbock. Zwei starke Stöße genügten. Für das völlige Chaos sorgten sie mit Hilfe des Heizkörpers. Beim letzten Akt rissen sie ihn von Wasserleitung. Der austretende heiße Dampf löste Brandalarm aus.

«Da sind dann sofort Feuerwehren angerückt, auch wir mit der Betriebsfeuerwehr», berichtete Bayer. Doch es gab in dem betroffenen Zimmer zwar Unmengen von Heizungswasser, aber kein Feuer. Und auch keine Patienten mehr.

Mehr zum Thema:

Drei Männer fliehen mithilfe von Bettlaken und Bettkasten aus Anstalt