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Entwicklungsminister Dirk Niebel (links) ist der neue Spitzenkandidat der FDP für die Bundestagswahl 2013. Er ging als Überraschungssieger aus der Schlammschlacht zwischen FDP-Landeschefin Birgit Homburger und Spontankandidat und Ex-Landeschef Walter Döring hervor. © dpa
Der frühere baden-württembergische Wirtschaftsminister Walter Döring hat seine Kandidatur für den Bundestagswahl-Platz 1 der Landesliste zurückgezogen. © dpa
Küsschen für Birgit Homburger antreten. Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke gratuliert der FDP-Landeschefin nach ihrer Rede. Ob sie die Spitzenkandidatin für den nächsten Bundestagswahlkampf wird, ist nach dem Auftritt von Walter Döring allerdings fraglich. © dpa
17.11.2012

FDP-Kandidatenkür wird Schlammschlacht

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte: Entwicklungsminister Dirk Niebel führt die Südwest-FDP in den Bundestagswahlkampf. FDP-Landeschefin Birgit Homburger und Ex-Wirtschaftsminister Walter Döring neutralisierten sich vorher gegenseitig. Nach einer veritablen Schlammschlacht zog Döring zurück, als Homburger den ersten Listenplatz für Niebel freigab und auf Platz zwei zurücktrat. Der Nieferner FDP-Bundestagsabgeordnete Erik Schweickert landete auf Listenplatz acht.

Bildergalerie: FDP kürt Dirk Niebel zum Spitzenkandidat der Bundestagswahl

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Niebel ist nun der mit 84,9 Prozent der Stimmen gewählte FDP-Spitzenkandidat für 2013. Er konnte 331 von 399 Stimmen für sich verbuchen. Einen Gegenkandidaten gab es nach dem Döring-Homburger-Gefecht nicht, dafür aber großen Applaus für Niebel. Und Homburger? „Mich haut nichts so schnell um“, sagte sie, als sie die Wahl annahm. Der Grund für ihre Tapferkeitserklärung: Sie erhielt nur 255 von 397 abgegebenen Stimmen – ein denkbar schlechtes Ergebnis für die Landeschefin und vielleicht auch ein Zeichen für die Zerrissenheit der FDP.

Landtags-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke hatte Homburger dazu geraten, für Niebel auf Platz eins zu verzichten. „Die Debatte war nicht gut“, so Rülke zu den mit harten Bandagen geführten Grabenkrieg der Döring- und Homburger-Anhänger. Zu Wort gemeldet habe er sich nicht, weil er es nicht für möglich hielt, das noch „einzufangen“, so Rülke weiter.

Niebel nahm die Wahl an und bedankte sich bei Homburger und Döring dafür, dass sie die Möglichkeit geschaffen hätten, dass die FDP Baden-Württemberg nun geschlossen in den Wahlkampf gehe.

Der Machtkampf in der baden-württembergischen FDP scheint voll entbrannt – und ist zu einer Schlammschlacht geworden. Der frühere Wirtschaftsminister und Ex-FDP-Chef Walter Döring hatte überraschend den Hut in den Ring geworfen und sich als Gegenkandidat zur aktuellen, aber nicht unumstrittenen FDP-Landeschefin Birgit Homburger positioniert. 

n seiner lebhaften, animierenden, durchaus Kritik nach allen Seiten verteilenden Rede bewies Döring sein Talent als begeisternder Motivator. Homburger holte zum Gegenschlag aus, überließ das heftige Anbellen und Zubeißen dann aber ihren Unterstützern.

Döring müssen die Ohren geklingelt haben wie beim jüngsten Gericht. Intrigen, Illoyalität, Skandale – alles, was man ihm auf seinem Negativ-Konto ankreiden konnte, wurde ihm vorgehalten. Da gab es gleich mehrfach den tiefen Griff in den Dreckkübel, um genügend Material für die Schlammschlacht werfen zu können. Matthias Werwigk, Gatte der Ex-Justizministerin Corinna Werwigk-Hertneck, die 2004 im Zuge von Dörings der Spenden-Affäre gehen musste, warf Döring eine Intrige gegen seine Frau vor. Zudem habe Döring angeblich Firmen im Land zu Spenden geradezu genötigt. Von anderen wurde Döring mit seiner Kandidatur in letzter Minute schlechter Stil und ein „Putsch“ vorgeworfen.

„Gestatten Sie mir eine Gemeinheit: Wer so mit Dreck werfen lässt, muss es nötig haben“, sagte Döring noch einmal. Er hält es für völlig in Ordnung, wenn ein Parteivorsitzender, der er damals war, Spenden sammelt. „Ich stehe hier und kann nicht anders“, hatte er in seiner Rede erklärt. Es zerreiße ihn, wenn er den Zustand der Partei sehe. Döring-Anhänger stellten seine Fähigkeiten als Wahlkämpfer in den Mittelpunkt. Schließlich geht es bei den Liberalen um die Wurst: In zahlreichen Umfragen lag die Partei zuletzt um die fünf Prozent.

Dann die Wende: Döring erklärte, nur kandidiert zu haben, um Homburger nicht das Feld zu überlassen. Die konterte. Homburger schlug vor: Entwicklungsminister Dirk Niebel soll an Platz eins, Homburger weiche dann auf den zweiten Platz aus. Döring hatte erklärt, nicht gegen Niebel auf Platz eins anzutreten. Döring hilet Wort und Niebel nahm die Kandidatur für Platz 1 an.

Das Listenplatz-Geschachere war also in vollem Gange, obwohl Homburger erklärt hatte: "Erst das Land, dann die Partei und dann die Person."  

Der Nieferner FDP-Bundestagsabgeordnete Erik Schweickert wollte auf Listenplatz sieben gewählt werden. Der scheint bei der nächsten Bundestagswahl halbwegs sicher zu sein. Schweickert hatte allerdings zwei Gegenkandidaten und scheiterte im zweiten Wahlgang an Pacal Kober. Am Ende landete er auf Listenplatz acht mit 66,23 Prozent der Stimmen und vor der Bundestagsabgeordneten Dr. Birgit Reinemund. Das waren fast zwei Prozent mehr als es für Homburger gab.

Für die FDP insgesamt geht es bei der Bundestagswahl ums Überleben. Überspringt sie die Fünf-Prozent-Hürde, könnten die Liberalen im Südwesten nach Schätzungen wohl mit sieben bis zehn Mandaten rechnen. Bislang stellt die baden-württembergische FDP 15 Abgeordnete im Bundestag.

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