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Die schwäbisch-alemannische Fastnacht steht seit kurzem auf der deutschen Liste des immateriellen Kulturerbes. Grund genug, einen wachsamen Blick auf die Einhaltung der alten Bräuche zu werfen, findet der Narrenverband. Doch nicht jeder Verein ist einverstanden.
Fastnacht im Südwesten - Rückkehr zum eigentlichen Brauchtum? © dpa
29.01.2015

Fastnacht im Südwesten - Rückkehr zum eigentlichen Brauchtum?

Rottweil. Wer sich den Rottweiler Narrensprung einmal komplett ansehen will, braucht vor allem zwei Dinge: Standfestigkeit und warme Socken. Denn bis die rund 4.100 Narren vom Schwarzen Tor aus durch die historische Innenstadt gezogen sind, könne es durchaus mal sechs Stunden dauern, sagt Narrenmeister Christoph Bechtold.

Zu lang, fand die Zunft - und hat beschlossen, den Streckenverlauf von diesem Jahr an zu ändern und vor allem zu kürzen. In der Stadt sorgte das für einige Aufregung. «Fasnet ist in Rottweil eine Sache, die sich eher vom Bauch als vom Kopf her erklären lässt», sagt Bechtold. Die Diskussion habe die Zunft daher nicht überrascht. «Es war klar, dass nicht alle Interessengruppen positiv reagieren.»

Die Änderung des Streckenverlaufs habe aber neben der zu langen Dauer noch einen zweiten wichtigen Grund: Die Rückbesinnung auf das alte Brauchtum. «Die eigentliche Tradition der Rottweiler Fasnet ist das Aufsagen, das mit Quellen belegt bis in die Reichstadtzeit zurückverfolgt werden kann», sagt Bechthold. «Der Narrensprung dagegen hat einen wilhelminischen Hintergrund und wurde in der heutigen Form erst nach 1920 entwickelt.»

Beim Aufsagen laufen die Narren durch die Straßen von Rottweil und informieren Bürger und Zuschauer über Ereignisse und Missgeschicke des vergangenen Jahres. Das Ausüben dieses Rügerechts sei der eigentliche Kern der Fastnacht, sagt auch der Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), Roland Wehrle. «Es ist wichtig, dass die gewachsenen Bräuche und Traditionen immer wieder überprüft werden - ob sie noch so gepflegt und erhalten werden, wie es vorgesehen ist.»

Die VSAN ist mit rund 90 Jahren die älteste Narrenvereinigung Deutschlands, in ihr haben sich 68 Zünfte aus Süddeutschland und der Schweiz zusammengeschlossen. Der Verband fordert schon länger eine Rückbesinnung auf die Bräuche im eigenen Heimatort. «In unserem Leitbild steht an allererster Stelle: Unsere Aufgabe ist es, zunächst die örtliche Fastnacht zu erhalten, zu unterstützen und zu fördern», sagt Wehrle.

Darüber hinaus könnten die Narren beispielsweise zu Narrentreffen gehen. «Das ist auch wichtig. Aber ich will ganz deutlich unterscheiden: Ich würde jede Zunft bei uns rausschmeißen, die eine Reiseveranstalterzunft ist. Die zu 10, 20 Umzügen geht», sagt Wehrle. «Das hat mit der klassischen Fastnacht überhaupt nichts zu tun.»

Hinzu komme, dass die schwäbisch-alemannische Fastnacht seit Dezember auf der deutschen Liste des immateriellen Kulturerbes stehe. «Da ist es unsere Pflicht, immer mal wieder zu überlegen: Machen wir das noch so, wie das früher war», sagt Wehrle. «Die Fastnacht ist nach wie vor das größte und älteste Volksfest, das wir kennen - generations- und schichtübergreifend. Das sollten wir erhalten.»

Er appelliere inzwischen an Bürgermeister und andere Verantwortliche, keine neuen Umzüge mehr zuzulassen, sagt Wehrle. «Wir brauchen nicht noch den dreißigsten oder vierzigsten Nachtumzug. In den Städten, in denen die Fastnacht daheim war, haben sich die Umzüge in den letzten 50 Jahren entwickelt - es braucht nichts Neues mehr.»

Mit dieser Haltung wurden kürzlich auch die Tartaros Perchten aus Donaueschingen (Schwarzwald-Baar-Kreis) konfrontiert: Die erst 2013 gegründete Gruppe wollte die örtliche Fastnacht etwa beim Umzug oder bei der Schülerbefreiung unterstützen - darf aber nicht. Denn für die Masken hat der Verein sich von österreichischen und bayerischen Bräuchen inspirieren lassen. Und die passten nicht zur schwäbisch-alemannischen Fastnacht, hieß es kürzlich beim VSAN. Die alpenländischen Bräuche des Perchtenlaufes fänden vor allem in der Weihnachtszeit statt. «Sie gehören also nicht zu den Bräuchen der Fastnacht.» Vielmehr gehe es darum, Bräuche im eigenen regionalen Kulturraum zu respektieren und dort zu belassen, wo sie hingehörten.

Die Tartaros Perchten zeigten sich enttäuscht. «Man wirft uns vor, das Brauchtum nicht zu leben», sagt der Vorsitzende Jorge Valero. «Aber im selben Atemzug verwehrt man uns genau das.» Sein Verein sei als Narrenverein eingetragen und habe sich in der Satzung dem schwäbisch-alemannischen Brauchtum verschrieben. «Hätten wir uns Teufel genannt, wäre es vielleicht weniger ein Problem gewesen.»