nach oben
Die von den Vereinten Nationen angemahnte Inklusion behinderter Schüler an Regelschulen sorgt für neuen Streit zwischen Kommunen und Land.
Die von den Vereinten Nationen angemahnte Inklusion behinderter Schüler an Regelschulen sorgt für neuen Streit zwischen Kommunen und Land. © dpa
13.08.2013

Finanzierung der Inklusion behinderter Schüler macht Landkreisen Sorgen

Stuttgart. Die von den Vereinten Nationen angemahnte Inklusion behinderter Schüler an Regelschulen sorgt für neuen Streit zwischen Kommunen und Land. «Das Land soll sich zügig mit uns an einen Tisch setzen und klären, wer Anspruch auf welche Leistungen hat und wer diese Leistungen zu bezahlen hat», forderte der Präsident des Landkreistages Joachim Walter. «Die jetzige Situation ist absolut unbefriedigend - für die Eltern und für uns», sagte der jüngst an die Verbandspitze gewählte Christdemokrat der Nachrichtenagentur dpa.

Die Inklusion bringe enorme Kosten für die Extra-Betreuung der Kinder und ihre Beförderung mit sich. Die Summen reichten je nach Fall von mehreren hundert bis 35 000 Euro im Jahr. Hinzu kommen Kosten für Raum- und Sachausstattung der Schulgebäude auf die Gemeinden als Träger der Regelschulen zu. Eine grundsätzliche Kostenklärung erhofft sich Walter von einem Rechtsstreit, den sein Landkreis Tübingen derzeit mit einer Mutter ausficht, die vom Kreis die Finanzierung eines Schulbegleiters für ihre Tochter mit Trisomie 21 verlangt und in zweiter Instanz recht bekommen hatte.

Das Ziel des Landes, den Eltern behinderter Kinder Wahlfreiheit für ihre wohnortnahe Wunschschule zu gewähren, ist nach Worten des Verbandschefs aus dem Stand unrealistisch. Stattdessen halte er kurzfristig Schwerpunktschulen für die Inklusion von Gruppen behinderter Schüler für möglich. Ein Abschaffung der Sonderschulen, wie sie die Elterninitiative «Gemeinsam leben - gemeinsam lernen» fordert, sei undenkbar. «Wir müssen das Thema von den Bedürfnissen der Kinder her denken.» Insbesondere für schwerst mehrfach behinderte Kinder seien die Sonderschulen weiterhin notwendig, möglicherweise in verringerter Zahl. Je nach Behinderung gibt es davon neun Ausprägungen - von Schulen für Erziehungshilfe bis hin zu Schulen für Sehbehinderte. Derzeit besuchen 50 000 Schüler 600 Sonderschulen.

«Seit den 60er Jahren werden die Sonderschulen als pädagogischer Gewinn angesehen. Diese Errungenschaft sollte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen», unterstrich Walter. Zuvor seien viele behinderte Kinder gar nicht zur Schule gegangen, manche waren auf der Regelschule und einige in karitativen Einrichtungen. Das Thema sorge für Unruhe bei den Eltern. Es häuften sich Fragen wie: «Aber unsere Sonderschule bleibt doch hoffentlich erhalten?» Für die Kinder sei der Besuch der Sonderschule keine Sackgasse. «Im Prinzip haben behinderte Schüler an Regelschulen und an Sonderschulen die gleichen Chancen, den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen.»

Walter betonte, dass das Land sonderpädagogische Förderung behinderter Kinder an den Regelschulen sicherstellen müsse. Die Lehrer an den Regelschulen seien dafür aber nicht ausgebildet. Die besondere Qualifikation von Sonderschullehrern müsse erhalten bleiben und deshalb auch der entsprechende Studiengang.

Damit wandte sich Walter gegen Vorschläge einer Expertenkommission, die Sonderpädagogischen Studiengänge aufzugeben und eine entsprechende Grundbildung in alle Lehramtsstudiengänge zu integrieren. «Wir sind sehr gut mit diesen hervorragend ausgebildeten Lehrkräften gefahren.» Er bezweifele, dass «Sonderpädagogen light» in Regelschulen die Inklusion behinderter Kinder optimal umsetzten.