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Nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge, die zuletzt in Baden-Württemberg ankamen, hat inzwischen einen Job. Schuld sind nicht nur die fehlenden Deutschkenntnisse.
Nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge, die zuletzt in Baden-Württemberg ankamen, hat inzwischen einen Job. Schuld sind nicht nur die fehlenden Deutschkenntnisse. © dpa
14.10.2016

Flüchtlinge übernehmen bislang überwiegend Hilfsarbeiten

Stuttgart. Rund 14 500 Flüchtlinge haben in Baden-Württemberg nach Angaben des Wirtschaftsministeriums bislang einen Job gefunden. Die meisten Flüchtlinge arbeiten demnach im sogenannten Helferbereich in der Gastronomie, auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder in der Reinigung. Zum Start des neuen Ausbildungsjahrs haben außerdem fast 600 Menschen aus den wichtigsten Fluchtländern eine Ausbildung angefangen, wie das Wirtschaftsministerium am Freitag mitteilte. Das habe eine Sonderauswertung der Statistiken von Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern ergeben.

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) bezeichnete die Entwicklung als «sehr erfreulich». 15 Prozent aller Arbeitsplätze seien Helfertätigkeiten, Weiterbildungen ermöglichten weiteren beruflichen Fortschritt. Sie reist am Freitag zu mehreren Firmen, um sich ein Bild über die Herausforderungen zu verschaffen. Das Ankommen und der Erfolg von Flüchtlingen werde wesentlich dadurch bestimmt, wie die Integration am Arbeitsmarkt gelinge, sagte sie.

Den 14 500 Flüchtlingen mit Jobs standen zuletzt nach Daten der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit allerdings 36 000 Arbeitsuchende gegenüber. Davon wiederum waren 14 258 arbeitslos gemeldet. Die Zahl dürfte noch steigen: Allein 2015 kamen nach Angaben des Wirtschaftsministeriums fast 98 000 Asylsuchende in den Südwesten. Der Chef der Regionaldirektion für Arbeit, Christian Rauch, rechnet im kommenden Jahr mit 30 000 Flüchtlingen, die aus Integrationskursen kommen und in den Arbeitsmarkt drängen.

DGB-Vize Gabriele Frenzer-Wolf plädiert deshalb dafür, die Arbeitgeber müssten größere Anstrengungen unternehmen, Geflüchtete einzustellen und zu qualifizieren. «Scheitern die Integrationsbemühungen, ist die Gefahr groß, dass die Menschen in die Schwarzarbeit abtauchen oder Billigjobs annehmen.»

Drei Viertel der insgesamt knapp 36 000 arbeitsuchenden Geflüchteten haben den Angaben zufolge allerdings keine Qualifikation. Fast zwei Drittel (61 Prozent) sind jünger als 35 Jahre.

Auch deshalb sieht Hoffmeister-Kraut vor allem Chancen in der Ausbildung. «Nachhaltige Integration in Beschäftigung erreichen wir allem voran durch Ausbildung», sagte sie. Dafür müssen zahlreiche Voraussetzungen erfüllt sein. Das Wirtschaftsministerium sieht Spracherwerb, Berufsorientierung, Betreuung und Vermittlung als zentrale Bausteine.

Der Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, Christian Rauch, sieht darin eine Herausforderung. Die in Deutschland übliche duale Ausbildung sei bei vielen Flüchtlingen unbekannt und stehe in Konkurrenz zu der Möglichkeit, schnelles Geld zu verdienen. Er sieht deshalb auch Chancen in modularen Ausbildungen, bei denen Menschen erst einmal nur Teile einer Berufsausbildung absolvieren, um schnell in den Beruf zu kommen.

Die für die Berufsausbildung zuständigen Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern stemmen sich dagegen. Integration brauche Zeit, sagte Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold. «Wer da aufs Tempo drückt, riskiert das Scheitern der Berufsausbildung.» Der Vorschlag einiger Parteien für eine einjährige duale Ausbildung für Flüchtlinge sei daher wenig zweckdienlich. Einstiegsqualifizierungen hingegen seien ein bewährtes Instrument, dabei absolvieren die Teilnehmer in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten Teile eines anerkannten Ausbildungsberufs. Die Vergütung übernimmt die Arbeitsagentur.

«Die Integration von Flüchtlingen in Ausbildung muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden», sagte Georg Fichtner, Präsident der für Ausbildungsfragen im Land federführenden IHK Region Stuttgart. Der Staat müsse vor allem dafür sorgen, dass Rahmenbedingungen stimmten und Belastungen für die Firmen verringert würden.

Die Landesregierung hat bereits mehrere Initiativen gestartet, um Flüchtlinge am Arbeitsmarkt zu integrieren. So wurden beispielsweise 37 «Kümmererstellen» geschaffen, die junge Flüchtlinge direkt betreuen. Im Sommer wurden Projekte zur Berufsorientierung junger Flüchtlinge ins Leben gerufen.

Das Wissenschaftsministerium fördert zusätzlich syrische Flüchtlinge, die es bei einem Studium an einer Universität unterstützt. Fünf der 45 Stipendien werden vom Arbeitgeberverband Südwestmetall bezahlt, weitere sechs übernehmen Firmen im Land. Den größten Anteil stellt das Ministerium selbst.

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