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Wolf-Dieter Keitel, Croupier im Casino Baden-Baden, sitzt in der Spielbank im «Wintergarten-Saal» an einem französischen Roulette Tisch. Als im Dezember 1831 die Pariser Spielbanken geschlossen wurden, übernahm Jacques Benazet 1838 die Leitung der Spielbank, die er in den folgenden zehn Jahren prachtvoll umgestaltete.
Wolf-Dieter Keitel, Croupier im Casino Baden-Baden, sitzt in der Spielbank im «Wintergarten-Saal» an einem französischen Roulette Tisch. Als im Dezember 1831 die Pariser Spielbanken geschlossen wurden, übernahm Jacques Benazet 1838 die Leitung der Spielbank, die er in den folgenden zehn Jahren prachtvoll umgestaltete. © dpa
18.09.2012

Französisches Flair machte Südwesten erst attraktiv

Die Welt verdankt den Franzosen das «savoir vivre» und die «haute cuisine» - Baden dem Nachbarland durch Napoleon sogar seine heutige Gestalt. Franzosen und Deutsche entlang des Rheins sind schon immer eng verbunden gewesen. Das fängt beim Einkaufen und Essen an, reicht über den kulturellen Austausch bis hin zum Arbeiten und Wohnen im Nachbarland. Nicht immer war man sich im Laufe der Geschichte freundlich gesinnt. Inzwischen gilt aber aus Sicht von Baden-Badens Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner (CDU) längst: «Aus Gegnern sind Freunde geworden.»

Wenn heute die Touristen aus aller Welt in den Südwesten reisen, dann auch wegen des internationalen Flairs, den Franzosen in die Region gebracht haben. Speziell Baden-Baden, die «französischte Stadt» in Baden-Württemberg, ist durch sie vom ehemals leicht verschlafenen Kurort im 19. Jahrhundert zur Sommerhauptstadt Europas avanciert.

Als im Dezember 1831 die Pariser Spielbanken geschlossen wurden, kam mit zahlreichen französischen Spielern die Familie Benazet von der Seine an die Oos. 1838 übernahm Jacques Benazet die Leitung der Spielbank, die er in den folgenden zehn Jahren prachtvoll umgestaltete. «Le roi de Bade», wie er im Volksmund genannt wurde, setzte sich zugleich für den Ausbau der Stadt ein. Sein Sohn Edouard baute das Theater und die berühmte Galopprennbahn in Iffezheim.

Der russische Dichter Iwan Turgenjew hörte um 1860 in Baden-Baden überall das «schnarrende, ausdruckslose gutturale Geschnatter der französisch Sprechenden». Das wurde mit dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 anders. Zum «Vorort von Paris» wurde Baden-Baden erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Vom Krieg verschont, bot sich das elegante Weltbad nahe der Grenze als Hauptstadt der französischen Besatzungszone an.

Vor 50 Jahren bekräftigten dort Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle in Baden-Baden ihren Willen zur künftigen europäischen Einheit. Und als De Gaulle auf dem Höhepunkt der Studenten- und Arbeiterunruhen im Mai 1968 in die Klemme geriet, zog der 77-Jährige sich heimlich in den Kurort am Schwarzwald zurück. Dort suchte er bei General Jacques Massu die Rückendeckung durch die Armee.

1999 zogen die rund 3000 französischen Soldaten von dem Städtchen an der Oos ab. Heute leben noch an die 300 Franzosen in dem 50 000-Einwohner-Ort. Und, comme il faut (wie es sich gehört): «Man spricht noch immer Französisch in Baden-Baden», betont OB Gerstner.

Nicht nur dort: Mehr als 31 000 Achtklässler der Gymnasien im Südwesten lernen Französisch, nach Englisch ist es die meistgewählte Fremdsprache. An den Grundschulen am Oberrhein lernen sogar die Erstklässler schon die Sprache des Nachbarn. «Der verbindliche Französischunterricht in der Grundschule ist ein wichtiger Schritt zur Weiterentwicklung der deutsch-französischen Freundschaft und ein Schlüssel für die Entwicklung eines europäischen Bewusstseins», heißt es im Stuttgarter Kultusministerium.

Wäre es nach dem früheren CDU-Kultusminister Helmut Rau (CDU) gegangen, hätten auch die Gymnasiasten in Baden weiter Französisch lernen müssen. Auf erbitterten Protest von Eltern schob der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-Württemberg 2007 dem aber einen Riegel vor.

Die zahlreichen Deutschen, die im Elsass Käse und Crémant kaufen oder die 2000 Franzosen, die in den grenznahen Daimler-Werken Rastatt, Wörth und Gaggenau arbeiten, stören derlei Nickligkeiten nicht. Deutsch-Französische Freundschaft wird auch bei der gemeinsamen Wasserschutzpolizei in Kehl gelebt, genauso wie bei der Deutsch-Französischen Brigade mit ihren knapp 6000 Soldaten. Ab 2015 soll zur Freude der beiderseitigen Einkaufs-Pendler sogar eine Tram von Straßburg nach Kehl fahren.

«Als unmittelbare Nachbarn verbindet Baden-Württemberg und Frankreich eine echte Partnerschaft und Freundschaft, die von den Menschen täglich gelebt wird», sagt Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) über einen der wichtigsten Handelspartner seines Landes.