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17.04.2012

Frau zündet Bekannten an - Sechs Jahre Haft

Tübingen (dpa/lsw) - Weil sie einen Bekannten mit Benzin übergossen und angezündet hat, muss eine 37-Jährige für sechs Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht Tübingen verurteilte sie am Dienstag wegen versuchten Mordes. Ihr 39-jähriger Ehemann kommt für fünf Jahre in Haft. Die Richter waren davon überzeugt, dass die beiden gemeinsam den Entschluss gefasst haben, ihr Opfer möglichst grausam zu töten. Das 38-jährige Opfer hatte den Brandanschlag in der Reutlinger Moschee schwer verletzt überlebt. Die 37-Jährige hatte angegeben, sie sei von dem Mann zuvor jahrelang vergewaltigt worden.

Es war eine der emotionalsten Urteilsverkündungen, die es am Tübinger Landgericht seit langem gegeben hat. Immer wieder unterbrach die 37-Jährige die Verhandlung mit lauten Zwischenrufen. Der als freundlich und besonnen geltende Vorsitzende Richter Ralf Peters schrie sie schließlich an. Wenig später mussten Justizbeamte verhindern, dass Täter und Opfer samt ihrer Familien aufeinander losgingen.

Die Richter hatten sich zuvor wochenlang durch ein kompliziertes Geflecht aus Vorwürfen, Anschuldigungen und Emotionen gearbeitet. Es ging um Ehre, strenge muslimische Moralvorstellungen und um Selbstjustiz.

Die Tat an sich war dabei nicht das Problem. Mehrere Zeugen hatten gesehen, wie die 37-Jährige am 28. Mai 2011 den Benzinkanister über ihrem 38-jährigen Opfer ausgoss, dann ein Feuerzeug hervorzog und ihn anzündete. Die Haare und das T-Shirt des Mannes brannten lichterloh. Mit viel Glück überlebte er ohne schwerwiegende bleibende Schäden. Die angeklagte selbst bestritt diese Tat nicht. Was den Richtern aber große Mühe bereitet hat, waren die Vorgeschichte und das Motiv für die Tat.

Die 37-Jährige hatte ihrem Opfer immer wieder schwere Vorwürfe gemacht und sich selbst als das eigentliche Opfer präsentiert. Jahrelang habe der 38-Jährige sie vergewaltigt. Schließlich habe er intime Fotos von ihr gemacht und sie damit erpresst. Doch die Richter waren nach dem langen Prozess sicher, dass die zweifache Mutter in diesem Punkt lügt. «Es handelte sich zur Überzeugung der Kammer am Anfang um eine einvernehmliche Beziehung», sagte Richter Peters.

Doch für die streng gläubige Muslimin habe diese Affäre schwere Folgen gehabt. Die Strafe für eine Frau, die die Ehe bricht, sei in ihrer Kultur der Tod - so hatte sie es selbst im Laufe des Prozesses gesagt. Als Ausweg aus der Situation habe sie den 38-Jährigen als Vergewaltiger dargestellt, ihrem Mann von den vermeintlichen Übergriffen erzählt und gemeinsam mit ihm den Mord geplant. Um ihre Ehre wiederherzustellen, hätten die beiden die Moschee als Ort für die Tat ausgewählt - wohl wissend, dass dort die beiden Kinder ihre Eltern als Mörder erleben mussten. «Es war eine öffentlich inszenierte Hinrichtung», betonte Peters.

Dass sie ihr Opfer nur erschrecken und nicht umbringen wollten, glaubten die Richter den Angeklagten nicht. «Feuer verletzt nicht, Feuer beschädigt nicht. Feuer vernichtet», betonte er. Hätte der 38-Jährige nur einige Sekunden länger in Flammen gestanden, hätten die Verletzungen ihm wohl das Leben gekostet.

Mit ihrem Urteil gingen die Richter noch über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus, die für beide Angeklagten vier Jahre Haft gefordert hatte. Die Verteidiger hingegen hatten jeden Tötungsvorsatz bestritten und Bewährungsstrafen wegen Körperverletzung gefordert.