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Gegner von Stuttgart 21 demonstrieren in der Landeshauptstadt.
Gegner von Stuttgart 21 demonstrieren in der Landeshauptstadt. © dpa
28.08.2010

Friedensgipfel? Bahnchef will S-21-Gegner treffen

STUTTGART. Im Konflikt um das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 zeichnet sich eine Annäherung ab: Bahnchef Rüdiger Grube hat angesichts der Massenproteste einen runden Tisch mit den Gegnern des Milliarden-Vorhabens vorgeschlagen.

Bereits im September wolle er sich erstmals mit Kritikern zum Meinungsaustausch treffen, erklärte Grube am Freitagabend in Stuttgart. «Wir müssen uns jetzt wie erwachsene Leute verhalten.» Allerdings werde er für die Zusammenkünfte keine Vorbedingungen akzeptieren.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hatte zuvor einen «Friedensgipfel» angeregt, aber dafür einen Baustopp bei gleichzeitigem Aussetzen der Proteste verlangt. Die Abrissarbeiten am Nordflügel des Stuttgarter Bahnhofs wurden am Samstag fortgesetzt. Nach der Großdemonstration vom Freitag mit nach unterschiedlichen Angaben zwischen 30 000 und 50 000 Teilnehmern blieb die Lage ruhig.

Bei dem 4,1 Milliarden Euro teuren Projekt soll der Stuttgarter Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgewandelt und an die künftige Schnellbahntrasse nach Ulm angeschlossen werden. Kritiker halten das Bauvorhaben unter anderem für zu teuer. Für den Verkehr bringe es keinen entscheidenden Nutzen.

Laut Grube hat Palmer Zustimmung zu dem jetzigen Plan signalisiert. «Ich weiche nicht aus, ich gehe auf die Gegner zu», sagte Grube. Aus seiner Sicht ist die einzige Voraussetzung für den runden Tisch, die Wahrheit zu sagen, Fakten offenzulegen und keine Informationen zurückzuhalten. Ein Baustopp sei auch aus finanziellen Gründen nicht möglich. Die Bahn sei überdies vertraglich zum Bauen verpflichtet.

Der Fraktionschef der Landtags-Grünen, Winfried Kretschmann , sagte: «Die Gesprächsbereitschaft von Grube kommt spät, aber nicht zu spät.» Allerdings müssten auch Vertreter des Aktionsbündnisses gegen das Bahnhofsprojekt mit am Tisch sitzen. Dies sieht auch Projektsprecher Wolfgang Drexler so. «Sonst wird das ja eine Landtagsdebatte», sagte Drexler, der auch für die SPD im Parlament sitzt. Auf der Befürworterseite sind auch Ministerpräsident Stefan Mappus und Verkehrsministerin Tanja Gönner (beide CDU ) vorgesehen. Sein Vorschlag sei mit Mappus abgestimmt, der die gleiche Idee gehabt habe, sagte Grube. Der Regierungschef will sich am Montag in Stuttgart zu dem geplanten runden Tisch äußern.

Grube geht davon aus, dass die Proteste noch lange anhalten: «Ich glaube, dass wir längere Zeit benötigen, diese Erregung abzumildern. Das geht nicht von heute auf morgen.» Die Heftigkeit des Widerstands habe ihn überrascht und mache ihm Sorge mit Blick auf weitere große Infrastrukturprojekte in Deutschland. Bei den Gesprächen mit den Gegnern gehe es darum, eine bessere Verständigungsbasis zu finden, Fakten zu vermitteln und Vertrauen zu gewinnen. Der Bahnchef räumte ein: «Stuttgart 21 ist nicht richtig begleitet worden mit Kommunikation.» Er versicherte, er werde sich alle Ideen am runden Tisch genau anschauen, sofern sie bezahlbar seien.

Der Bahnchef lehnte einen Vergleich zu der von den Gegnern favorisierten Variante K21 ab, die Erhalt und Modernisierung des Kopfbahnhofes und eine Anbindung des Landesflughafens und der geplanten Trasse nach Ulm durch das Neckartal vorsieht. «K21 ist ein Phantom.» Die Trasse sei noch nicht festgelegt, es gebe keine Baugenehmigungen, während Stuttgart 21 im wesentlichen fertiggeplant, genehmigt und finanziert sei.

Allein die Sanierung des Hauptbahnhofes und des Gleisvorfeldes koste 1,8 Milliarden Euro, die noch nicht finanziert seien. Um K21 auf den gleichen Stand wie Stuttgart 21 zu bringen, müssten die Bauarbeiten mindestens zehn Jahre eingestellt werden. «Damit ist das Projekt tot, damit machen wir die Bücher zu», sagte der frühere Daimler -Manager. Grube sieht in den Haushaltsberatungen des Bundestages keine Gefahr für Stuttgart 21. Angesichts eines über Jahre gestreckten Beitrages des Bundes von 560 Millionen Euro könne keine Rede davon sein, die «Krake» Stuttgart 21 verschlinge alle Infrastrukturmittel des Bundes.

Grube verteidigte das 4,1 Milliarden teure Vorhaben erneut. Das Projekt sei ein «Geschenk» für die Stadt und die Region: «Andere würden sich danach die Finger lecken.»