nach oben
Größte Deutsche Raffinerie
26.03.2012

«Frühjahrsputz» bei größter deutscher Raffinerie

Karlsruhe (dpa/lsw) - So umtriebig geht es hier selten zu: Überall wird gehämmert, geschraubt und montiert. Es zischt, pfeift und dampft im scheinbar unentwirrbaren Labyrinth von unzähligen Eisenrohren. Gabelstapler surren, Arbeiter mit Helm und Blaumann wuseln durch die Anlagengassen. Bei Deutschlands größter Ölraffinerie MiRo ist eine Art Frühjahrsputz angesagt.

Bildergalerie: Größte Ölraffinerie Deutschlands wird auf Vordermann gebracht

«Stillstand» heißt die etwa fünfwöchige Inspektion im Fachjargon, bei der fast alle Anlagen im Werkteil 2 außer Betrieb sind. Doch von Stillstand kann keine Rede sein: 2800 Spezialisten und Arbeiter sind teils von weit her nach Karlsruhe gekommen, um bei der turnusmäßigen Großinspektion der Mineralölraffinerie Oberrhein (MiRO) zu helfen.

Noch wenige Tage, dann kehrt wieder Ruhe ein. Und auch bei den MiRo-Managern dürfte der Puls dann wieder gleichmäßiger schlagen. Denn bislang ist nahezu alles glattgegangen, sagt Stillstands-Leiter Martin Gregor. Zeitrahmen und Budget sind eingehalten, größere Unfälle gab es nicht.

Keinesfalls selbstverständlich bei dem Mammutprogramm, das die Verantwortlichen zu bewältigen haben: Seit Ende Februar wurden mehr als 30 Anlagen entleert, gereinigt, inspiziert, repariert und technisch auf den neuesten Stand gebracht.

Fast zwei Jahre hat Stillstands-Leiter Gregor das Ganze vorbereitet. Auf der To-Do-Liste stand etwa der Austausch zweier riesiger 140 Tonnen schwerer Entwässerungsbehälter der Koker-Anlage, in der Ölrückstände zu Koks als Brennstoff für die Zementindustrie verarbeitet werden. Gigantische Kräne einer Firma, die auch schon beim gekenterten Kreuzfahrtschiff Costa Concordia im Einsatz war, hieven schwere Lasten millimetergenau in schwindelerregende Höhen.

Doch auch die Inspektion von 316 Wärmetauschern und Hunderten von Armaturen braucht eine ausgeklügelte Logistik - ebenso wie die Beschaffung der richtigen Schrauben, Bolzen und Dichtungen. Das Aufstellen von 640 Containern für Büros und vom großen Kantinenzelt erscheint da wie ein Klacks.

Klappen muss zudem das Zusammenspiel der 1000 MiRo-Beschäftigten mit den 2800 externen Monteuren, Schweißern, Schlossern, Industriemechanikern oder Armaturspezialisten von 120 Firmen. Schließlich müssen Inspekteure, Werkstoffprüfer und 125 TÜV-Sachverständige am Ende vor Ort Sicherheit und Effizienz der Anlagen bescheinigen.

50 Millionen Euro kostet die Inspektion auf dem drei mal vier Kilometer großen Gelände an den Rheinauen. Trödeln ist nicht: «Jeder Tag Stillstand kostet eine Million Euro», rechnet Projektleiter Eberhard Pfeifer vor. Er steht auf der 40 Meter hohen Plattform der modernen Vakuum-Destillationskolonne, in der aus Rohöl Gas, Benzin, Diesel und Heizöl getrennt werden. Pfeifers Blick schweift über die Tanklager, Öfen, Schornsteine und die beiden Kühltürme im Gewirr der Rohre. Überall arbeiten Männer. Am Boden, auf Gerüsten und Türmen, teils auch angegurtet.

«Sicherheit hat oberste Priorität», betont Gregor. Fremdfirmen und ihre Mitarbeiter werden speziell dafür in Workshops und mit Videos geschult. Denn wo so viele Menschen auf dichtem Raum und unter schwierigen Bedingungen arbeiten, kann es zu heiklen Situationen kommen. Und nicht immer geht es so glimpflich aus wie kürzlich bei einem Gerüstbauer, der eine Platzwunde erlitt - die bislang einzige größere Verletzung der aktuellen Inspektion. In der Vergangenheit gab es vereinzelt schlimme Unfälle: Ein Arbeiter einer Fremdfirma starb 2001 bei einer Inspektion nach dem Sturz von einem Gerüst.

Was immer wieder besorgte Anrufer auf den Plan ruft, ist das Abfackeln von Restgas. Dieser Vorgang beim Ab- und Anfahren der Anlage ist aber völlig ungefährlich, versichert Chemieingenieur Gregor. Gefackelt wird schon bald - denn vor Ostern soll die gesamte Raffinerie wieder laufen.