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Rocker kontra Türsteher - Hells Angels, United Tribuns, Black Jackets, Gremium, Red Legion

Entlang der Karlsruher Straße hatte sich die Polizei im Juli 2016 für Personen- und Fahrzeugkontrollen postiert. Grund für das Aufgebot von rund 200 Beamten war damals ein Treffen des „Osmanen Germania BC“ in einer Räumlichkeit auf der Wilferdinger Höhe.
Entlang der Karlsruher Straße hatte sich die Polizei im Juli 2016 für Personen- und Fahrzeugkontrollen postiert. Grund für das Aufgebot von rund 200 Beamten war damals ein Treffen des „Osmanen Germania BC“ in einer Räumlichkeit auf der Wilferdinger Höhe. © Seibel
27.06.2017

Fünf Festnahmen nach Razzia bei Osmanen Germania BC

Das Landeskriminalamt spricht von einem Schlag gegen die organisierte Kriminalität. Unter der Leitung des Landeskriminalamtes durchsuchten am Dienstagmorgen zahlreiche Einsatzkräfte zeitgleich 20 Wohnungen und Geschäftsräume sowie Fahrzeuge von Mitgliedern der rockerähnlichen Gruppierung Osmanen Germania BC in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Fünf Männer im Alter von 19 bis 45 Jahren wurden festgenommen.

Die Durchsuchungen und Festnahmen erfolgten auf Grund eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Abteilung Organisierte Kriminalität. Am Einsatz waren bundesweit über 400 Polizeibeamte der Landes- und Bundespolizei, darunter auch mehrere Spezialeinheiten, und drei Staatsanwälte beteiligt. Bereits am 24. Juni 2017 waren zwei 34- und 37-jährige türkische Staatsangehörige im Landkreis Offenbach am Main/Hessen und im Hochtaunuskreis/Hessen in den frühen Morgenstunden in ihren Wohnungen von Spezialeinsatzkräften festgenommen worden. Zeitgleich erfolgten auch hierbei Durchsuchungen von vier Wohnungen und mehreren Fahrzeugen.

Die Festgenommenen stehen im Verdacht, andere Mitglieder der Osmanen Germania BC, die die Gruppierung verlassen wollten oder sich Anweisungen widersetzten, erpresst, beraubt und brutal zusammengeschlagen zu haben, wobei sie in zumindest einem Fall auch den Tod ihres Opfers in Kauf genommen haben sollen. Die am 24. Juni 2017 festgenommenen Tatverdächtigen wurden nach Vorführung beim Haftrichter in Justizvollzugsanstalten eingeliefert. Die heute Festgenommenen werden im Laufe des Tages dem Haftrichter vorgeführt.

Bei den erneuten Durchsuchungen am Dienstag wurde umfangreiches Beweismaterial, darunter eine scharfe Schusswaffe, vier Schreckschusswaffen, Hieb- und Stichwaffen, gefährliche Gegenstände, typische Rockerinsignien, Rauschgift, Bargeld, Schmuck, Mobiltelefone, Computer, Datenträger und zwei Fahrzeuge sichergestellt.

Bereits seit Ende 2016 ermitteln die Staatsanwaltschaft Stuttgart und das LKA mit der Bundespolizeidirektion Stuttgart, dem Polizeipräsidium Ludwigsburg und dem Polizeipräsidium Stuttgart gegen Mitglieder rockerähnlicher Gruppierungen. Hintergrund sind die anhaltenden, meist auch gewalttätigen, Auseinandersetzungen in diesem Milieu. In den Fokus der Ermittlungen gerieten dabei auch führende Mitglieder der nationaltürkisch geprägten Gruppierung Osmanen Germania BC. Im Zuge der Ermittlungen wurden schwere Straftaten wie ein versuchter Mord, räuberische Erpressungen und zahlreiche Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz bekannt. Außerdem bearbeitet die Ermittlungsgruppe Gewalttaten innerhalb der eigenen oder gegen andere rockerähnliche Gruppierungen.

In Baden-Württemberg wurden sechs Objekte im Landkreis Böblingen, ein Objekt im Landkreis Calw, zwei Objekte im Landkreis Esslingen, zwei Objekte im Landkreis Göppingen, ein Objekt im Landkreis Ludwigsburg, drei Objekte im Landkreis Reutlingen, ein Objekt in Stuttgart und ein Objekt im Landkreis Tübingen durchsucht. In Hessen waren es jeweils zwei Objekte in Offenbach/Main und im Hochtaunuskreis. Nur ein Objekt wurde in Wuppertal unter die Lupe genommen.

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Rockerkrieg in Pforzheim

Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels und United Tribuns sind den Menschen in Pforzheim noch gut in Erinnerung. Ende 2010 kam es auf dem Pforzheimer Güterbahnhof-Gelände zu einer Massenschlägerei. Rund 40 Rocker schlugen sich auf einem Parkplatz mit Macheten und Baseballschlägern, ein von einem Messerstich verletzter Mann schwebte in Lebensgefahr – und es fiel ein Schuss aus einer scharfen Waffe. Die Kugel schlug zum Glück in einem abgestellten Lieferwagen ein, in dem niemand saß.

Von da an gab es polizeiliche Untersuchungen und Razzien bei den beiden Gruppen. Die Hells Angels traf es mit Wohnungsdurchsuchungen gleich zweimal, im Dezember 2010 und im März 2012, während die United Tribuns bei einer Razzia im Februar 2011 unter anderem Waffen wie eine scharfe Maschinenpistole mit Schalldämpfer abgegeben mussten. Höhepunkt der Aktionen: Der Pforzheimer Verein der Hells Angels wurde verboten. Nach einigen Prozessen hört man im Augenblick nicht mehr viel von den Höllenengeln. Um die United Tribuns ist es in Pforzheim ebenfalls ruhiger geworden. Die Black Jackets, eine dritte Gruppe, die im Türstehermilieu der Region um Pforzheim mitmischte und rockerähnlich strukturiert war, verschwanden in der Bedeutungslosigkeit, nachdem zuerst die Jugendgruppe aufgelöst und der Gruppenführer zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Nur ganz am Rande spielten auch die Rocker vom Gremium MC eine Rolle in Pforzheim. Sie scheiterten zum Beispiel mit einem Motorrad-Korso durch die Stadt, der wohl als Provokation der Hells Angels gedacht war. Stress mit Mitgliedern der Bandidos, die sich anderswo in Deutschland heftige Gefechte mit den Hells Angels lieferten, gab es in Pforzheim mangels einer Bandidos-Gruppe nicht. In der weiteren Region hat zuletzt die Gruppe der Red Legion für Aufsehen und Polizeieinsätze gesorgt. In Pforzheim jedoch sind sie noch nicht bemerkenswert aufgefallen.

Im Sommer 2016 machten die „Osmanen“ in Pforzheim von sich reden, eine mutmaßlich aus Istanbul gesteuerte türkisch-nationale Kuttenträger-Vereinigung. In einer Pforzheimer Disko auf der Wilferdinger Höhe wollten sie ein lokales Chapter – gewissermaßen einen Ortsverein – gründen. Die Polizei, die mit starken Kräften vor Ort war und die Personalien der „Osmanen“ aus ganz Deutschland aufnahm, sprach von etwas über 200 Teilnehmern. Bisher, so Erkenntnisse des Landeskriminalamts (LKA), gab es sechs Chapter in Baden-Württemberg: in Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, Heilbronn, Konstanz und Ravensburg. Geschuldet war das Großaufgebot der Ordnungsmacht auch der Tatsache, dass man ein mögliches Aufeinandertreffen der „Osmanen“ mit Mitgliedern der kurdisch dominierten, ebenfalls rockerähnlichen Vereinigung „Bahoz“ unbedingt verhindern wollte. tok

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