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Sie beschimpfen, bespucken und schlagen die, die ihnen eigentlich helfen wollen: Immer häufiger eskaliert die Gewalt in deutschen Notaufnahmen. Auch Kliniken im Südwesten zeichnen ein düsteres Bild.
Sie beschimpfen, bespucken und schlagen die, die ihnen eigentlich helfen wollen: Immer häufiger eskaliert die Gewalt in deutschen Notaufnahmen. Auch Kliniken im Südwesten zeichnen ein düsteres Bild. © dpa
04.11.2016

Gewalt in Notaufnahmen - Wenn Patienten pöbeln und prügeln

Stuttgart (dpa/lsw) - Bedrohungen, Beschimpfungen und Schläge: Viele Kliniken im Südwesten wie in ganz Deutschland berichten von zunehmender Gewalt in den Notaufnahmen.

Die meisten Häuser führen zwar keine Statistik, berichten aber übereinstimmend von verbalen und körperlichen Übergriffen. Mitarbeiter sind besorgt. Immer mehr Notaufnahmen verfügen mittlerweile über einen eigenen Wachschutz.

Die meisten Kliniken führen keine genaue Statistik über Gewalt und Aggression in den Notaufnahmen. Das Diakonissenkrankenhaus in KARLSRUHE hingegen hat im vergangenen Jahr eine Risikoanalyse veranlasst. Es zählte 970 Fälle aggressiven Verhaltens in der Notaufnahme und der Intensivstation. In 166 Fällen handelte es sich um körperliche Gewalt wie etwa Treten. In 42 Fällen wurden Mitarbeiter verletzt, meist trugen sie Prellungen und Blutergüsse davon. Gründe der Gewalt seien «Bevormundung, zu lange Wartezeiten, Schmerzen, Unverständnis und eine ausgeprägte Ich-Bezogenheit der Patienten», erklärte die Weiterbildungsbeauftragte Barbara Sayer, die gerade zwei Mitarbeiter zu Deeskalationstrainern schulen lässt.

«Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein Mitarbeiter in den Brennpunkten betroffen ist», sagte die Sprecherin des Klinikums STUTTGART, Ulrike Fischer. Mit Brennpunkten meint sie Notaufnahmen, Psychiatrie und Intensivstationen. Die Zahl der gemeldeten Übergriffe lag 2013 noch bei 19, 2014 bei 23 und werde in diesem Jahr hochgerechnet bei 40 liegen. Aber es gebe es eine hohe Dunkelziffer. Hin und wieder trage das Personal blaue Flecke davon. Ein Sicherheitsmann sei nachts in der Notaufnahme anwesend - auch Notknöpfe mit Direktverbindungen zur Polizei seien notwendig.

Auch im Diakonie-Klinikum in STUTTGART kommt es immer wieder zu Beleidigungen, Mitarbeiter werden hier angespuckt oder bedroht. Allerdings seien die Mitarbeiter heute sensibler für das Thema, sagte Sprecher Frank Weberheinz. Ihnen werden Deeskalationmethoden beigebracht, bereits die Auszubildenden werden auf aggressive Patienten vorbereitet. Oft stünden Alkohol und Drogen hinter den Entgleisungen, aber auch immer vollere Wartezimmer: Denn Patienten, die gar keine Notfälle sind, kämen nachts und am Wochenende aus reiner Bequemlichkeit.

Die Uniklinik ULM berichtet von einer «leichten Zunahme an Gewalt und Aggression in der Notaufnahme». Es handele sich aber nach wie vor um Einzelfälle. Erklären lasse sich die Zunahme auch dadurch, dass mehr Patienten in die Notaufnahme kommen.

«Generell kann man sagen, dass wir den Eindruck haben, dass die Hemmschwelle für verbale Attacken gegen unser Personal insgesamt gesunken ist», berichtete die Sprecherin des Uniklinikums TÜBINGEN. Alle Mitarbeiter erhielten in den Notaufnahmen regelmäßig ein Deeskalationstraining. An einem der beiden Hauptstandorte werde seit diesem Jahr in den Nachtdiensten ein Sicherheitsdienst eingesetzt.

«Aktuell verzeichnen wir fünf bis zehn leichte bis schwere aggressive Übergriffe pro Monat im Durchschnitt, wobei die Tendenz Richtung zehn geht», sagte Hans-Jörg Busch vom Notfallzentrum am Universitätsklinikum FREIBURG. Das liege auch an der veränderten Erwartungshaltung der Bevölkerung. Gerade Angehörige der Patienten könnten Probleme machen.

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