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Spargelstechen auf einem Feld, das ohne Folie und Bodenheizung bewirtschaftet wird – dafür gibt es ein neues Gütesiegel. Foto: dpa/Anspach

Gütesiegel für plastikfreien Spargel: Erzeuger in Baden zeigen, wie es ohne Folie geht

Graben-Neudorf. Wir sind ein gallisches Spargeldorf“, sagt Christian Eheim nicht ohne Stolz. Er ist Bürgermeister von Graben-Neudorf (Landkreis Karlsruhe), einer Gemeinde, in der Spargel entgegen der sonst üblichen Praxis unter freiem Himmel statt unter Folie wächst – und jetzt ein eigenes Gütesiegel bekommt.

Elf Spargelbauern verpflichten sich ohne Folie und ohne Bodenheizung anzubauen und dürfen im Gegenzug ihren Spargel mit dem neuen Siegel versehen. Mit Ausnahme eines Betriebes, der Folie verwendet, nähmen damit alle Spargelbauern in Graben-Neudorf teil, sagt Eheim.

Als Initiatoren des Siegels sind die Gemeinde und der örtliche Bauernverband auch für die Kontrolle zuständig. Das sei nicht besonders aufwendig, da man auf Anhieb erkenne, ob auf einem Feld Folie liegt oder nicht, sagt Marcus Melder, Vorstand der Ortsgruppe des Bauernverbands und selbst Spargelbauer. Die Zertifizierung bedeutet ohnehin keine Umstellung: „Wir arbeiten eigentlich von je her ohne Folie.“

Was in Graben-Neudorf Tradition hat, ist ansonsten absolute Ausnahme. 80 bis 90 Prozent der deutschen Erzeuger verwenden Folie. Das schätzt Hans Lehar, Geschäftsführer der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden (OGA). Für die Bauern biete die Folie mehrere Vorteile: Sie erwärme den Boden, so dass schon früher Spargel geerntet werden könne. Außerdem steuerten die Erzeuger mit der Folie das Wachstum, indem sie entweder die schwarze, wärmespeichernde oder die weiße, sonnenabweisende Seite nach außen kehren.

Kritisiert werden vor allem die Auswirkungen auf die Umwelt. „Das größte Problem, das ich sehe, sind die Rückstände des Plastiks“, sagt Ellen Kandeler, Bodenbiologin an der Universität Hohenheim bei Stuttgart. Letztendlich verblieben immer Reste der Folie im Boden. Es sei mittlerweile schwierig, in Baden-Württemberg noch plastikfreien Kompost zu finden, wobei Spargelfolie natürlich nur eine von vielen Plastikquellen sei.

Über die langfristigen Folgen der Plastikanreicherung wisse man noch zu wenig, sagt die Wissenschaftlerin. Zudem fänden Pflanzen und Tiere Folie garantiert nicht toll. Ein Verzicht sei daher aus ökologischer Sicht sinnvoll. Doch letztendlich sei der traditionelle Anbau nicht nur eine Frage der Ökologie, sagt Bürgermeister Eheim. Kenner würden auch auf den Geschmack des folienfreien Spargels schwören.

Diese Qualität hat allerdings ihren Preis: Die Bauern müssen die Spargeldämme doppelt so oft kontrollieren, da sich der weiße Spargel sofort verfärbt, wenn er in Kontakt mit Licht kommt. Außerdem sind die Erzeuger abhängiger vom Wetter und müssen länger auf die Ernte warten. Dieses Jahr ernten sie voraussichtlich drei bis vier Wochen später als Erzeuger, die Folie nutzen.

Letztendlich besetze man eine Nische, sagt Eheim. „Es ist nicht das Ziel, große Märkte zu erobern.“ Die teilnehmenden Spargelbauer bewirtschaften etwa 20 Hektar und damit weniger als ein Hundertstel der gesamten Anbauflächen im Südwesten. Bundesweit wird Spargel auf einer Fläche von gut 23 000 Hektar angebaut.

Im großen Rahmen kann sich Hans Lehar einen Verzicht auf Folie nicht vorstellen. Umweltschützer hatten in der Vergangenheit argumentiert, man brauche keine Folie, wenn die Konsumenten auf frühen Spargel verzichteten. Für Lehar ist allerdings noch ein anderer Punkt entscheidend: die Steuerung der Ernte und somit die Marktregulierung.

Wer in den Genuss des folienfreien Spargels aus Graben-Neudorf kommen will, begibt sich am besten direkt in die Region. Hier wird er in Hofläden verkauft oder an Gaststätten geliefert, die sich künftig auch mit dem neuen Siegel schmücken dürfen. Eine Kundin bekommt ihren Spargel allerdings frei Haus und über Ländergrenzen hinweg geliefert: Einmal im Jahr reist eine Delegation aus Graben-Neudorf nach Berlin und überreicht der Bundeskanzlerin frischen Spargel.