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Der Mordfall wird am Ulmer Landgericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt – der Angeklagte ist minderjährig. Foto: Puchner
Der Mordfall wird am Ulmer Landgericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt – der Angeklagte ist minderjährig. Foto: Puchner
21.11.2017

Hat 15-Jähriger aus Schwulenhass gemordet?

Ulm. Ein Mann stirbt in einer Lache aus Blut. Sein Körper übersät mit Messerstichen. Homophobie soll Teil des Motivs gewesen sein. Der Angeklagte war erst 15.

Keine Kameras, keine Reporter, kein Publikum. „Nicht öffentliche Sitzung“ steht am Eingang zum Saal 126 des Landgerichts Ulm. Seit gestern wird dort über einen Mord verhandelt, den ein 15-Jähriger begangen haben soll, jetzt ist er 16. Mit drei Messern soll er einen 64 Jahre alten Mann in dessen Wohnung getötet haben. Und zwar – so die Staatsanwaltschaft – „aus Abneigung gegenüber Homosexuellen und um Wertsachen des Mannes an sich zu nehmen“.

Verhandelt wird nach Jugendstrafrecht. Eigentlich sind selbst die Angehörigen eines Beschuldigten von so einem Prozess ausgeschlossen. Das Gericht macht eine Ausnahme: Bei der Verlesung der Anklage dürfen Mitglieder der türkischstämmigen Familie des Beschuldigten, der die deutsche Staatsangehörigkeit hat, noch anwesend sein.

Ihre Gesichter sind von Sorgen gezeichnet, als sie auf den Einlass warten. Eine Frau in traditioneller Kleidung, die Stiefmutter, ist den Tränen nahe. Der Vater des Angeklagten legt ihr einen Arm um die Schulter. Die Familie lebt in Mannheim. Nach einem Schulverweis war der Sohn ausgerissen. In Ulm lebte er auf der Straße – immer auf der Suche nach Essen, Trinken und einem Schlafplatz.

So war es auch an jenem verhängnisvollen Abend des 23. Mai. Am Hauptbahnhof begegnete der junge Bursche seinem Opfer. Der ältere Mann nahm den Jungen mit in seine Wohnung im nahegelegen Dichterviertel. Bei den Nachbarn war der 64-Jährige bekannt und beliebt. „Man konnte gut mit ihm reden“, sagt eine Frau.

Dass der Alleinstehende vielleicht schwul war, störte niemanden. Seinen späteren Mörder soll es jedoch stark abgestoßen haben. Als der Mann ihm 50 Euro für Fotoaufnahmen bot und ihn dann noch – „ohne Nachdruck“, wie das Gericht betonte – zu sexuellen Handlungen aufforderte, soll der 15-Jährige ausgerastet sein.

Immer wieder habe er mit einem Küchenmesser auf sein Opfer eingestochen. Als es abbrach, heißt es in der Gerichtsmitteilung unter Berufung auf die Anklage, habe er mit anderen Gegenständen auf das Opfer in dessen Wohnung eingeschlagen. Dann habe er zwei weitere Messer aus der Küche geholt und weiter auf den Schwerverletzten eingestochen, „bis dieser aufgrund des enormen Blutverlustes an Ort und Stelle verstarb“.

Anschließend soll der nun Angeklagte Bargeld und eine Digitalkamera eingesteckt haben, ehe er das Sofa und diverse Kleidungsstücke anzündete. Ein Nachbar schlug Alarm, die Feuerwehr konnte den Wohnungsbrand rasch löschen. Der Tatverdächtige wurde wenig später gefasst. Bei der Vernehmung war er weitgehend geständig. Aufgrund seiner Angaben geht die Anklagevertretung von einer Diebstahlsabsicht und von „homophoben Motiven“ aus.

Bis Ende Januar will das Gericht unter Vorsitz des erfahrenen Richters Wolfgang Tresenreiter zu einem Urteil kommen – auch mit Hilfe eines psychiatrischen Gutachtens.